• Zwei der Gründerväter - fotografiert und gemalt: Bürgermeister Füllkruß links (Bestand Stadtarchiv Grimma) und Verleger Göschen rechts (Bestand Museum Göschenhaus Grimma) : © Stadtarchiv Grimma und Museum Göschenhaus Grimma

  • Die Eröffnung wurde für den 11. April 1826 angekündigt. Insbesondere wenig vermögende Einwohner Grimmas wurden als Kunden angesprochen. : © Museum Göschenhaus Grimma

  • Die Ansichtskarte von 1910 zeigt das Rathaus, in dem sich die Spar- und Leihkasse von 1826 bis 1832 befand. : © Historisches Archiv des OSV

  • Stempel in einem Sparbuch, Ende 19. Jh. : © Sparkassenmuseum Muldental e.V.

Ein Verein gründet eine Sparkasse

Im Königreich Sachsen wirkten ab 1819 erste Sparkassen. Die meisten der frühen Gründungen waren keine kommunalen Einrichtungen. In einigen Städten organisierten sich fortschrittlich denkende Bürger in Vereinen und riefen solche gemeinnützig gedachten Institute ins Leben. So geschah es auch vor 200 Jahren in Grimma. Dort entstand die erste Sparkasse im Geschäftsgebiet der heutigen Sparkasse Muldental. Anlässlich des Jubiläums wird heute im örtlichen Beratungscenter die Wanderausstellung Geldgeschichte(n) des OSV eröffnet. Außerdem ist erstmals eine kompakte Ausstellung zur Historie der Sparkasse zu sehen. Unterstützung hatten wir beim letztgenannten Projekt unter anderem von Bildgebern aus Grimma.

Natürlich passen in eine kleine Ausstellung nicht alle Rechercheergebnisse. Deswegen möchte ich an dieser Stelle etwas weiter ausholen und zurückblicken. Zunächst ist da Bürgermeister Caspar Gottfried Füllkruß als wichtigster Gründervater zu nennen. Er schlug bereits Ende 1824 in der wohltätigen Gesellschaft „Heiterheit“ die Gründung einer Spar- und Leihkasse vor. Andere Mitglieder unterstützten den Plan. Eine Satzung wurde erstellt, welche die königliche Genehmigung erhielt. Die Gründer wollten solidarisch haften und die Geschäfte unentgeltlich führen. Außerdem schossen sie regelmäßig Geld zu. Auch der bekannte Buchhändler und Verleger Georg Joachim Göschen gehörte dem Verein an. Er ließ einen Vorrat an Sparbüchern kostenlos drucken. Die Ankündigung der Eröffnung erschien am 18. März 1826 in seinem Grimmaischen Wochenblatt. (Abbildung 2)

Am 11. April sollte demnach der Betrieb aufgenommen werden. Bei der Sparkasse konnten wenig vermögende Einwohner der Stadt sicher und mit Zinsgewinn Ersparnisse bilden. Insbesondere Dienstboten, Handwerker und Tagelöhner hatte man als Zielgruppe im Sinn. Kleinsparerfreundlich wurden Einzahlungen ab acht Groschen angenommen. Auch nach oben gab es eine Begrenzung. Es konnten sogar Einlagen verweigert werden, wenn sie nicht mit dem Zweck der Sparkasse vereinbar waren. Die Leihkasse wiederum sollte dem Wucher entgegenwirken, indem sie Kredite zu fairen Bedingungen ausreichte.

Geöffnet war an Dienstagen und Donnerstagen von 12:00 bis 14:00 Uhr im Rathaus. (Abbildung 3) Das dortige Sessionszimmer diente als Geschäftsstelle. In dem Raum fanden vorher immer die Sitzungen des Stadtrates statt. Er war im Winter also schon vorgeheizt. Das bedeutete Kostenersparnis. Die anfänglichen Ausgaben waren überschaubar. Sie sind durch eine Akte im Stadtarchiv überliefert, die das Mulde-Hochwasser 2002 überlebt hat. So war zum Beispiel ein Prägestempel für Wachs nötig, um Siegel auf Briefen und Dokumenten anzubringen. 20 Groschen machte er. Zwei weitere Stempel kosteten jeweils 1 Taler und 16 Groschen. Aus späterer Zeit ist uns ein Signet des Instituts überliefert. (Abbildung 4)

Als Direktor wirkte der Vereinsvorsitzende Füllkruß. Seine Kinder gehörten zu den ersten Kunden. Der Vater legte für sie Sparbücher mit Startguthaben von zwei beziehungsweise drei Talern an. Leider sind sie nicht erhalten. Das älteste Exemplar wurde 1835 eröffnet. Sie finden es im Sparkassenmuseum in Grimma im Original und als Abbildung in der Ausstellung. Der Bürgermeister war übrigens ständig zu den Geschäftsstunden anwesend und verwahrte die ganzen Spargelder im Ratsdepositengewölbe. Neben ihm taten am Anfang immer zwei Vereinsmitglieder Dienst. Ab 1827 gab es Unterstützung durch den Stadtsteuereinnehmer als Kassierer. Im Folgejahr wurde der Ratskopist zum Buchhalter.

Auch der Beginn des Kreditgeschäfts in Grimma ist gut belegt. Die Vereinsmitglieder hatten sich grundsätzlich verpflichtet, selbst Spareinlagen gegen Zinsen zu übernehmen, um den Bestand der Einrichtung zu sichern. Einwohner konnten Wertgegenstände zur Leihkasse bringen, wenn sie Geld brauchten. Am 16. April 1826 wurden eine Bürgerschützenuniform und ein Tuchrock als Sicherheit hinterlegt, wofür es 1 Taler und 16 Groschen als Darlehen gab. Bemerkenswerter ist der erste Hypothekenkredit, den am 27. April Drechslermeister Döring erhielt. Das waren 500 Taler. So startete die Mittelstandsförderung der Sparkasse.

  • Ihren 100. Geburtstag feierte die Sparkasse in der sogenannten „Roten Schule" an der heutigen Straße des Friedens 12. : © Sparkassenmuseum Muldental

Die Vorbereitungen laufen

Im kommenden Jahr feiert die Sparkasse Muldental ihr 200-jähriges Bestehen. Das Historische Archiv des OSV unterstützt das Jubiläum auf verschiedene Weise. So soll etwa eine Ausstellung zur Geschichte des Unternehmens gestaltet werden. Dies bedeutet zunächst das Sammeln von interessanten Fakten und Bildern. Recherchiert wird unter anderem vor Ort in Sachsen, zum Beispiel im Staatsarchiv in Dresden und Leipzig sowie in Stadtarchiven. Die bedeutendsten Funde gibt es jedoch im Sparkassenmuseum Muldental.

Dort lagert zum Beispiel eine Akte, die Aufschluss über die Feier des runden Geburtstags am 11. April 1926 gibt. Zur Veranstaltung am Sonntagvormittag lud Bürgermeister Dr. Walter Hornig in die Aula der Realschule ein. Erwähnenswert ist, dass es sich um eine der Schulen handelt, welche die Stadtsparkasse Grimma bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit „Überschüssen“ unterstützte. Heute wird das Gebäude unweit der Sparkassenzentrale als Berufliches Schulzentrum genutzt.

Auch anlässlich des historischen Jubiläums zeigte man sich übrigens spendabel. Am Schluss seines Referats zur Entwicklungsgeschichte der Sparkasse verkündete Dr. Hornig die Gründung einer Stiftung. Nach dem Rückschlag der Inflation stellten zunächst 5.000 Reichsmark das Kapital dar. Dies war der den Gewinnen der Wertpapierabteilung der 1910 gegründeten kommunalen Girokasse zu verdanken. Die Zinserträge sollten bedürftigte Angestellte und Beamte der Stadt erhalten.

  • Der städtische Schlachthof wurde 1899 auch mit Sparkassengewinnen finanziert. (Ansichtskarte Verlag Gustav Kabes in Grimma, um 1900; Bestand: Historisches Archiv des OSV) : © Historisches Archiv des OSV

Die Überschüsse der Grimmaer Sparkasse

Offenbar war man in Grimma mächtig stolz auf den Schlachthof. Zusammen mit patriotischem Dekor der Kaiserzeit fand er auf einer Ansichtskarte Platz. 1899 wurde die Einrichtung erbaut. An der Finanzierung war die Stadtsparkasse beteiligt. Überschüsse flossen auch in andere kommunale Infrastruktur. So erhielt die Stadt zum Beispiel eine elektrische Straßenbeleuchtung. Erstmals konnte Grimma 1884 von den Gewinnen der Sparkasse profitieren. 9.000 Mark sollten für die Pflasterung von Straßen und Anlegung von Bürgersteigen verwendet werden. 12.000 Mark waren für die Zinstilgung einer für die Errichtung der Schule aufgenommenen Anleihe vorgesehen. 4.000 Mark bekam die öffentliche Armenversorgung.

Für soziale Zwecke und Infrastrukturprojekte wurde auch in manch anderen Jahren Geld ausgegeben. Die Rahmenbedingungen änderten sich jedoch nach zwei Verordnungen des sächsischen Innenministeriums vom 29. Dezember 1899 und 11. Juni 1900. So galten nur noch freiwillige kommunale Ausgaben als gemeinnützig. Gesetzlich festgelegte Gemeindeaufgaben, wie etwa die Armenfürsorge, durften nicht mehr mit den Überschüssen der Sparkassen bezahlt werden. Bei der Verwendung für das Kirchen- und Schulwesen, das ebenfalls über Steuern finanziert wurde, konnte eine Fallprüfung erfolgen. Das Ministerium machte deutlich, dass ausschließlich gemeinnützige Sparkassen, die nicht als Erwerbsunternehmen der Gemeinden fungierten, keine Einkommensteuer bezahlen mussten. Nur bei Verwendung der Überschüsse für gemeinnützige und wohltätige Zwecke galt die Steuerbefreiung weiterhin.

Was die Verwendung des Reingewinns betraf, so konnte der Staat allerdings keine positive Definition geben, was nun gemeinnützig, also für die Allgemeinheit zum Nutzen, war. Die örtlichen Aufsichtsbehörden sollten dies entscheiden. Es schien zumindest unbedenklich, Parkanlagen einzurichten beziehungsweise zu erhalten, Straßen und Plätze zu verschönern oder die öffentliche Beleuchtung und Wasserversorgung zu errichten. Es gab dennoch zahlreiche Streitfälle und manchmal konnten die Entscheidungen der Behörden nur als Willkür empfunden werden. Die für Grimma zuständige Kreishauptmannschaft in Leipzig sah beispielsweise die Finanzierung der erwähnten Straßenbeleuchtung eher als eine Aufgabe der Ortspolizei und als nicht gemeinnützig an.