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Der Weltspartag ist für mich …

eine never-ending story. Allen Unkenrufen zum Trotz ist dieser rhythmisch wiederkehrende, ganz besondere Aktions- und Marken-Tag Ende Oktober nach wie vor präsent. Mit großen Schritten steuert er nun auf sein Hundertjähriges im Jahr 2024 zu. Zweifel an seinem Fortbestehen kommen nicht auf, blickt man auf seine interessante Rezeptionsgeschichte.

Inhaltlich gesehen, war er über die Jahrzehnte mehr als erfolgreich. Denn der Spargedanke ist tief verankert in der Bevölkerung. Insbesondere in Krisenzeiten werden Rücklagen verstärkt gebildet, was die Zahlen zur Entwicklung der Spareinlagen eindrucksvoll belegen. Allein im „Coronajahr“ 2020 stieg die Sparquote in Deutschland laut Statistischem Bundesamt auf 16,3 Prozent. Dass von 100 Euro Einkommen mehr als 16 Euro auf die „hohe Kante“ gelegt wurden, hat Rekordniveau. Betrachtet man Europa insgesamt, so ist festzuhalten, dass die Menschen sparen und mit etwa 27,3 Billionen Euro im Jahr 2020 sogar „so reich wie nie“ waren. Wenn auch die Vermögenslage auf den Einzelnen bezogen unbedingt differenziert zu betrachten ist, bleibt doch ein allgemeingültiges Fazit: „Sorge um die Zukunft“ bedeutet in ihrer Konsequenz „Sparen“ und damit Vorsorgen für schlechte Zeiten.

Aber auch formal gesehen, das heißt mit reinem Bezug zum Wort, oft verbunden mit allerlei Kindheitserinnerungen, hat der Weltspartag viel zu bieten. Ja, er hat nicht nur Einzug in die Fachliteratur gehalten und wurde mit einer Dissertation* bedacht, die – nebenbei erwähnt – auch Zahlen korrigierte, die lange fälschlicherweise im Umlauf waren, sondern ihm wurde und wird in der Gegenwartsliteratur auch ein schönes, die Zeiten überdauerndes Denkmal gebaut. So nimmt uns zum Beispiel Claus Hant als Erfinder des „Bullen von Tölz“ in seinem kurzweiligen Krimi „Weltspartag“ von 2007 mit in die Welt der Banker. Ein Mord ist aufzuklären, denn der Leiter der Kreditabteilung der örtlichen Genossenschaftsbank wurde erschossen. Mutter Resi fürchtet um ihr Erspartes. Es gibt also viel zu tun für den Polizisten.

Eine, wie ich finde, der schönsten Anekdoten rund um den Weltspartag stammt von Wladimir Kaminer. In seinem Buch „Ich bin kein Berliner: Ein Reiseführer für faule Touristen“ von 2010 beschreibt er in „Berliner Musik“ das Unterwegssein „an einem besonderen Tag“ – dem Weltspartag. Mit seinem so typischen, unverwechselbar lakonischen Humor bringt er die konträren Lebenswirklichkeiten in West und Ost auch bei diesem Thema wunderbar auf den Punkt. So erfährt der Leser, wie wichtig dieser Tag „schon immer“ in Westdeutschland und Westberlin war, und wie anders es sich doch in der DDR oder der Sowjetunion damit verhielt:

In Ostdeutschland gab es immer mehr Geld als Waren, deswegen war die gesamte Geschichte der DDR ein einziger langer Weltspartag. Bei uns in der Sowjetunion gab es weder Geld noch Waren, also blieb uns dieser Festtag des Sparens erspart.

Mit derbem Witz wartet auch der Kabarettist und Autor Stephan Franke auf. In „Der Kenner stirbt im Frühling, eine fantastische Bestattersatire“ wird unter anderem von einem überforderten Filialleiter berichtet, der mit den Werbemaßnahmen zum Weltspartag so gar nichts anzufangen weiß, von der Zentrale und ihren Vorgaben einfach nur genervt ist. Er soll sich um nichts weniger kümmern als um die zwei Geldsäcke tragenden Sparzwerge Dispo und Giro. Beide sollen jeweils ein rotes bzw. grünes Zipfelmützchen tragen. Doch die fehlen in der Lieferung des Werbematerials und müssen nun mühsam gebastelt werden. Am Ende erinnern die Zwerge jedoch eher an ständig in sich zusammensackende Mafiosi, die „mit ihren grimmigen Mienen sicher nicht dazu beitrugen, dass unsere Jüngsten zum frohen Befüllen ihrer Spardosen animiert werden können.“

Selbstverständlich gibt es auch zahlreiche Autoren, die von ihren Kindheitserlebnissen am Weltspartag ganz neutral, manchmal sogar etwas melancholisch in ihren Geschichten berichten. Auf diese Weise lässt sich, auch wenn man den Weltspartag als Kind nie selbst erlebt hat, etwas vom Flair dieses besonderen Tages erahnen: Geschmückte Filialen mit gut gelaunten Angestellten und fröhlicher Kundschaft, aufgeregte Kinder, die ihre vollen Sparschweine leeren und vielleicht ihr erstes Sparbuch erhalten, Münzzählmaschinen im Dauereinsatz und Geschenke über Geschenke. 

Wo darf der Weltspartag natürlich auch nicht fehlen? Ganz klar in Ratgebern rund um allerlei Spartipps und in Unterrichtsmaterialien, wo zum Beispiel Lückentexte in Deutsch auszufüllen oder Aufgaben zu Guthaben, Zinsen, Ausgaben und mehr in Mathe zu lösen sind.

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*Lesetipp, wenn man das Thema „Weltspartag“ in all seinen Facetten kennenlernen möchte: Belvederesi-Kochs, Rebecca Raffaela: Zwischen „moralischer Anstalt“ und vertriebsorientiertem Finanzdienstleister. Die Organisationskultur der Sparkassen unter besonderer Berücksichtigung des Weltspartags. Aachen, 2010. Zugl.: Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2010 | Erster Internationaler Sparkassenkongress 1924 in Mailand – Teilnahmezahlen (S. 68): ca. 7.260 Sparkassen aus 27 Nationen, überwiegend aus Europa, mit insgesamt 352 Delegierten.

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„Ich brachte 1990 genug Erfahrung mit, um die Akademie aufzubauen.“ – ein Gespräch mit Berthold Deutscher

Die Aktenlage ist eindeutig und verweist am heutigen Tage auf einen runden Geburtstag: Denn aus der „Ostdeutschen Sparkassenakademie i. G.“ wird am 9. Oktober 1991 die „Ostdeutsche Sparkassenakademie“. Der Vorstand des Ostdeutschen Sparkassen- und Girobverbandes beschloss auf seiner 2. Sitzung neben der Gründung auch, dass zeitnah eine Satzung sowie Stellenplan und Gebührenordnung vorzulegen seien. Zur Kenntnis nimmt das Gremium außerdem die Bestellung von Dr. Jürgen Wassermann als Akademieleiter.

Soweit also unsere Unterlagen. Doch wie wurde die Aufbauphase von denjenigen wahrgenommen, die maßgeblich daran beteiligt waren? Im Sommer 2014 sprachen wir mit Berthold Deutscher.* Er kam bereits im Mai 1990 zum Verband und war unter anderem dafür zuständig, den Bildungsbetrieb einzurichten. Welche Erfahrungen er dabei machte und welche Herausforderungen zu meistern waren, erzählte er uns in einem Zeitzeugengespräch:

Herr Deutscher, lassen Sie uns gemeinsam auf das Jahr 1990 zurückblicken. Wie muss ich mir den Aufbau einer Sparkassenakademie in dieser schnelllebigen Umbruchzeit vorstellen? Was war zu tun?

Naja, es war erst einmal so, dass ich im Mai 1990 als Stellvertreter auf der Leitungsebene beim Sparkassenverband der DDR eingestellt worden bin. Verantwortlich war ich für Personal, Ausbildung und Verwaltung. Das war ein großes Spektrum, für das ich zuständig war. Gute Mitarbeiter organisierten bereits die Bereiche Finanzen und Personal – den Bereich Ausbildung gab es in dem Sinne noch nicht. Der war praktisch neu aufzubauen. Ich hatte Glück, hier eng mit Professor Dr. Günter Ashauer, dem Leiter der Deutschen Sparkassenakademie in Bonn, zusammenarbeiten zu können. Er hatte viel Erfahrung, war mit Gastdozenten aus Bonn, aber auch schon mit Gastdozenten aus den regionalen Sparkassenakademien in der DDR unterwegs, um Lehrgänge zu begleiten.

Unser Grundsatz lautete damals: „Wir müssen die Ausbildung vor Ort organisieren und aufbauen! Aber wir brauchen auch eine eigene Akademie.“ Die strittige Frage war: Bleibt es bei einem Fünf-Länder-Verband oder gibt es ein Auseinandergehen? Es gab damals viele unterschiedliche Interessen. Der Sparkassenverband in Niedersachsen hätte zum Beispiel gern die Ausbildung übernommen. Er hatte vorher schon die Berliner Sparkasse mitbetreut. Dass die fünf neuen Bundesländer sich auf einen gemeinsamen Sparkassenverband einigen, ergab damals Sinn. Denn die einzelnen Länder waren im Vergleich zu den alten Bundesländern von der Struktur her kleiner und es ging ja darum, dass ein neuer Regionalverband auch mit den anderen gleichziehen kann.

Ging es Ihnen hier vor allem um einen Vergleich auf Augenhöhe?

Ja, so ungefähr. Insbesondere, was die Anzahl der Beschäftigten im Verband und in den Sparkassen anbetrifft. Insgesamt hatten die Sparkassen in der DDR etwa 20.000 Mitarbeiter. 1990 waren es unsere Sparkassen, die Personal einstellten und nicht abbauten. Praktisch wuchsen wir 1991/1992 um 10.000 und hatten schließlich mehr als 30.000 Beschäftigte. Die Personalaufstockung war dringend erforderlich. Um im Konkurrenzkampf zu bestehen, mussten schnellstens Leute eingestellt und natürlich auch ausgebildet werden.

Wir waren überzeugt: Vieles muss gleichzeitig und nicht nacheinander getan werden! Die regionalen Sparkassenakademien haben uns dabei unterstützt. Einerseits konnten unsere Beschäftigten an ihren Bildungslehrgängen teilnehmen. Andererseits lernten unsere Leute in der Praxis bei einer Partnersparkasse, zum Beispiel Lehrlinge für ein halbes Ausbildungsjahr oder auch Kreditsachbearbeiter, Planer und vor allem Mitarbeiter, die für die Darlehensgewährung und für Geldanlagen zuständig waren.

Wie setzten Sie bei den gleichzeitig zu erledigenden Aufgaben die Prioritäten?

Nun, als ich das erste Mal mit Professor Ashauer zusammengetroffen bin – das werde ich nie vergessen, denn es war in Tegel, im VIP-Raum, er war nur auf der Durchreise, kam aus Stockholm und hatte wenig Zeit – stellten wir ein Vierzehn-Punkte-Programm auf. Demnach hatte der Aufbau der Akademie, das heißt, das Finden geeigneter Räumlichkeiten für den Unterrichtsbetrieb, ganz klar Vorrang. Wir entschieden uns schließlich für eine Ausbildungsstätte in Berlin-Rahnsdorf. Dort gab es auch ein Hotel mit einer Kapazität von etwa 100 Betten.

Was war das für eine Ausbildungsstätte?

Das war in der DDR das „Zentralinstitut für sozialistische Wirtschaftsführung beim ZK der SED (ZISW)“. Dort wurden Generaldirektoren aus den Kombinaten usw. ausgebildet. Es war also ein Ort auf einem wirklich hohen Level. Auch ein Hörsaal war vorhanden. Der Lehrbetrieb konnte sofort aufgenommen werden. Die Leute vor Ort waren auch froh, weil es ja Teilnehmer alter Couleur nicht mehr gab. So nahmen wir das Objekt in Besitz und buchten von Anfang an 100 Plätze. Lehrgangsteilnehmer und Gäste nutzten das Hotel und auch Pensionen in der Nähe, die zum Beispiel aus kleinen Gaststätten neu entstanden waren. Auf diese Weise hatten wir 200 Betten zusätzlich zur Verfügung.

Was wurde von Ihnen in Rahnsdorf konkret gestaltet?

Unsere Aufgabe war es, dort den richtigen Lehrgangsbetrieb zu organisieren – bis hin zur Umstellung der Ausbildungsdauer. Das war ebenfalls eine gewaltige Aufgabe. Denn wir hatten ja über 3.000 Lehrlinge und mussten die Umstellung von der zweijährigen auf eine dreijährige Ausbildung auf den Weg bringen. Zur damaligen Zeit gab es in der DDR generell nur eine zweijährige Ausbildung. Aber die BRD hatte eine dreijährige. Also mussten wir entsprechende Programme entwickeln. Das haben wir gemeinsam mit den Ausbildungsverantwortlichen der Sparkassen bewerkstelligt. Gleichzeitig mussten wir, und zwar massiv, Ausbilder qualifizieren. Wir kannten so etwas nicht: bestätigte Ausbilder in der Sparkasse. Wir hatten zwar Ausbilder, die dann die Lehrlinge im Durchlaufplan begleiteten, aber es war keine Prüfung für diese vorgesehen. Also mussten schnellstens Ausbilderlehrgänge durchgeführt werden, um dem bundesdeutschen Recht zu entsprechen. Jede Sparkasse hatte ja mehrere bestätigte Ausbilder zu haben, je nachdem, wie viele Lehrlinge es vor Ort gab.

Wir bekamen dafür übrigens ministerielle Unterstützung, konnten vier Planstellen nur für diese Ausbildung aufbauen. Ich dachte zuerst: „Das kann nicht wahr sein, dass wir Geld erhalten!“ Aber da waren Fördermittel für diese Berufsausbildung vorgesehen. Und obwohl wir als Sparkassen ja ökonomisch gut dastanden, rief mich der Stellvertreter von der Akademie in Bonn an einem Freitag an und sagte: „Herr Deutscher, es muss blitzschnell ein Antrag gestellt werden! Er müsste am besten am Montag beim ehemaligen Ministerium für Berufsschulwesen abgegeben werden!“ Ich erinnere mich, dass die Sekretärin am Sonntag in den Verband bestellt wurde. Die Anträge wurden praktisch gleich in die Maschine diktiert. Das hat gut geklappt. Ja, und so bekamen wir dann tatsächlich Fördermittel für unsere Akademie. Hätte ich nicht für möglich gehalten. Später wurden diese Stellen sogar in richtige Planstellen umgewandelt. Das war dann der Grundstock, den wir systematisch ausgebaut haben.

Wann begann der tatsächliche Lehrbetrieb in Rahnsdorf?

Das war schon gleich 1990. Zu klären war dann noch die rechtliche Seite. Das war nicht leicht, weil sich herausstellte: Es handelte sich bei dem Standort um eine Parteieinrichtung und war damit Eigentum der SED. Als wir in Verhandlung getreten sind, hat sich wiederum eröffnet, dass die Partei das Objekt der Gewerkschaft „weggenommen hatte“. Diese Einrichtung, dieses Hotel, war also ursprünglich eine Bildungseinrichtung des FDGB gewesen. Somit gab es strittige Eigentumsfragen.

Die vollständige Aufklärung hätte lange dauern können. Und so sind wir auf Potsdam gekommen. Wir wollten eigentlich Rahnsdorf als Bildungsstätte ausbauen für die Sparkassen. Aber dann haben wir uns schließlich gefragt: „Muss es denn unbedingt Berlin sein?“ Die Stadt war vorbelastet, von hier aus wurde schließlich diktatorisch regiert. Viele wollten Berlin als Standort deswegen nicht haben. Und so kam es zur Zusammenarbeit mit der LBS-Ost, die für sich gerade auf der Suche nach einer Zentrale war.

Entdeckt wurde dadurch also der heutige Standort „Am Luftschiffhafen 1“ in Potsdam?

Ja. Die LBS hat ihn in Brandenburg, in Potsdam gefunden. Am Luftschiffhafen steht heute unsere Akademie. Als wir das mitbekommen haben, kam die Idee auf: „Kann das dann nicht ein gemeinsames Projekt werden?“ Die Eröffnung erfolgte dann 1996.

1994 war die Grundsteinlegung.

Richtig. Wir hatten vorher die Zusammenarbeit mit der Bonner Sparkassenakademie einerseits. Andererseits war ich selber einmal in Landshut in der Bayerischen Sparkassenakademie und auch in Eppstein, der Hessischen Sparkassenakademie. Ich habe mir alles angeschaut, insbesondere wegen der Frage der Größenordnung. Wir hatten etwas Bedenken, dass die neu zu bauende Akademie zu groß werden könnte. Für die 1990er Verhältnisse waren die Zahlenansätze richtig. Aber wir waren uns im Klaren darüber, dass auf die Dauer eine so große Kapazität nicht auszulasten sein wird für unsere fünf Länder – Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Aber das hat für uns damals nicht die größte Rolle gespielt. Es war wichtiger, in den Aufbaujahren die Sparkassen stabil zu gestalten mit gut ausgebildeten Leuten, die der Konkurrenz standhalten können. „Das andere müssen wir später klären. Dann müssen wir sehen, dass wir die Räumlichkeiten eventuell vermieten oder dass wir auch eine andere Ausbildungseinrichtung mitnutzen“, so unsere Überzeugung.

Ihnen war also von Anfang an klar, dass die Ostdeutsche Sparkassenakademie zu groß geplant wurde?

Für einige, ja. Aber nicht für alle. Ich kann nur sagen, dass ich darum gekämpft habe, weniger Kapazitäten zu planen. Wir hatten ermittelt, dass wir eine Bettenkapazität für 400 Menschen brauchen. Doch dann kamen noch 100 Betten an Kapazität für die LBS dazu. Da haben wir uns ernsthaft gefragt: „Muss das denn wirklich sein?“

Über 500 Betten wurden schließlich geplant. Darum gab es Streit. Aber die LBS bestand auf 100 Betten für die Schulung ihrer Mitarbeiter. Die 400 Betten für die Akademie waren nicht allzu viel. Ich war in anderen regionalen Sparkassenakademien. Dort wurde mir bestätigt: „Ein Auslastungsgrad für so und so viele Sparkassenmitarbeiter rechnet sich schon. Natürlich nicht auf Dauer!“ Aber damals ging es eben nicht anders. Wir mussten ja tausende Beschäftigte schulen. Praktisch musste selbst derjenige noch einmal neu einen Lehrgang mitmachen, der schon einen Abschluss als Sparkassenkaufmann oder Bankkaufmann zu DDR-Zeiten hatte. Auch die Direktoren, die eine Vorstandsposition übernehmen sollten. Für sie hatten wir spezielle Lehrgänge mit Dozenten überwiegend aus den alten Bundesländern vorgesehen. Das ist ja logisch. Diese schulten entsprechend den Erfordernissen des damaligen Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen. Die Direktoren mussten ihre fachliche Kompetenz hinreichend nachweisen. Daher gab es für sie diese speziellen Lehrgänge. Das war enorm.

Also kann man festhalten, die Lehrgänge der Akademie waren von Beginn an ausgebucht?

Ja, voll ausgelastet war die Akademie.

Als Service haben wir außerdem vor Ort Prüfungen abgenommen. Da gab es natürlich auch Diskussionen. Die  Mitarbeiter der Sparkassen sollten an die Akademie kommen. Doch als Vorgesetzter habe ich entschieden: „Wir fahren!“ Und da waren wir eben in Rostock, Dresden, Leipzig usw., um Prüfungen abzunehmen. So brauchten die Teilnehmer nicht extra zur Akademie kommen, sondern wir sind hingefahren. Das war der geringere Aufwand. Außerdem dachte ich daran, dass wir vor allem weibliche Beschäftigte in den Sparkassen haben, mit Familien. Ihnen dann noch zuzumuten, zwei Tage oder einen zu einer Prüfung zu fahren … Wie auch immer. Es war einfach notwendig, das anders zu organisieren. Da haben wir tatsächlich viele Überstunden gemacht und das Akademieteam hat mächtig rangeklotzt, damit wir das hinbekommen.

Wie wurde eigentlich der erste Akademieleiter gefunden?

Die Akademieleitung wurde als Stelle ausgeschrieben. Kurios war dabei, dass ich in der Auswahlkommission mit dabei war – sozusagen als amtierender Chef der Akademie. Wir haben also einen Nachfolger für mich gesucht. Die Vorstellungsgespräche fanden in Berlin statt. Für mich war ganz klar: Wir brauchen jemanden, der Erfahrungen hatte im Aufbau des Sparkassenwesens und vor allen Dingen auch die ganze fachliche Thematik beherrschte. Hinzu kam mein Alter, sodass ich erklärte: „Es würde sich rechnen, wenn jemand um die 40 genommen werden würde.“ Ich war letztendlich froh darüber, dass ich von meinen drei Säulen, die ich ja alle im Verband zu erledigen hatte, etwas befreit wurde. Die stellvertretende Leitung blieb weiterhin bei mir, als dann die Wahl auf Dr. Jürgen Wassermann fiel. Er erhielt einen Vertrag für fünf Jahre bis 1996. Als dieser nicht verlängert worden ist, bin ich dann noch einmal zum amtierenden Leiter berufen worden und hatte die große Aufgabe zu erfüllen, die Akademie von Rahnsdorf nach Potsdam umzuziehen. Sie müssen sich vorstellen, zu diesem Zeitpunkt war ich schon 63 Jahre alt, hatte üblicherweise eine 60-stündige Arbeitswoche. Ich wollte das Amt nicht. Doch die Verbandsleitung bat mich darum, weil ich eben hinsichtlich des Umzugs bestens im Bilde war. Wenig später erfolgte die nächste Ausschreibung und es wurde Professor Dr. Roland van Gisteren berufen. Das ging sehr schnell.

Wenn Sie auf das Thema „Bildungseinrichtung“ allgemein schauen, was müsste da beachtet werden?

Nach meinem Verständnis hat die Bildung stets Vorrang und nicht etwa die verwaltungsadministrative Seite einer Akademie. Die Hauptfrage einer Akademie betrifft die Bildungskapazitäten, die man hat. Dass man den Beschäftigten in den Sparkassen theoretischen Vorlauf schafft, damit sie qualitativ gut arbeiten können. Und natürlich, damit sie besser sind als die Konkurrenz. Darauf muss man sich konzentrieren und nicht so sehr auf die Verwaltungsfragen. Das ist uns damals gelungen, meine ich. Wir haben tatsächlich Bildungsinhalte in den Mittelpunkt gerückt. Ja, und die Verwaltung des Verbandes hat gut mit uns zusammengearbeitet. Aber: Wir waren doch relativ selbständig.

Mit Bedauern habe ich nach meinem Ausscheiden 1998 mitbekommen, dass es Bestrebungen gab, die Struktur zu verändern und praktisch die Akademie der Verwaltungseinheit zu unterstellen oder anzubinden. Das fand ich nicht gut. Wobei ich sagen muss, in meinem Alter ist man ein bisschen konservativ. Die aktuellen Dinge habe ich nicht so verfolgt, auch keinen Vergleich zu anderen Akademien gezogen. Fragen wie: „Was entwickelt sich generell auf dem Bildungsmarkt? Wie sind da die Strukturen? Wie ist generell die Auffassung in der Sparkassenorganisation? Muss jeder Verband eine eigene Akademie haben? Haben wir nicht genug Hochschulen, die sich mit Finanzen beschäftigen? Könnten dort nicht die Leute für ein höheres Level ausgebildet werden? Muss das denn in einer eigenen Hochschule sein?“ Also all‘ das sind zum Beispiel wichtige Fragen. Damals haben wir uns stark gemacht: Wir wollten uns speziell für die Sparkassen ausrichten.

Herr Deutscher, möchten Sie zum Schluss noch etwas ergänzen?

Ja, gern. Mir lag am Herzen, Ihnen mitzuteilen, dass unsere Hauptaufgabe darin bestand, die vorhandenen Beschäftigten, die wir in unseren Mitgliedssparkassen hatten – überwiegend sehr tüchtige Frauen – gut weiterzubilden. Es war eine immense Herausforderung für die Frauen, die meist zwischen 40 und 45 Jahre alt waren und Familie hatten, zu verlangen, sich noch einmal zu qualifizieren für ihre Arbeit und auf Lehrgänge zu gehen. Das war eine harte Realität, in der ich darauf bestand: „Wir müssen das mit Einfühlungsvermögen machen! Denn manche werden vielleicht nicht mehr in der Lage sein, die Theorie und das Neue, das auf sie zukommt, so schnell zu begreifen! Aber in den Lehrgängen müssen wir gleichzeitig auf Qualität achten, sodass es keinen Sparkassenabschluss zweiter Ordnung gibt. Wenn wir einen Sparkassenkaufmann haben wollen, dann muss die Qualität stimmen. Wir dürfen keine Abstriche machen.“ Darauf haben wir dann auch die Dozenten eingeschworen. Sie sollten im Niveau nicht heruntergehen. Denn mit „Augen zudrücken“, könnten in der praktischen Arbeit Fehler passieren. Dazu muss ich ergänzen, dass ich Hochachtung vor den vielen Frauen hatte angesichts ihrer Doppelbelastung.

Über mein fast 50-jähriges Arbeitsleben kann ich sagen, dass ich zu Beginn meiner Berufsausbildung irgendwie Glück gehabt habe und ich einen Weg gegangen bin, wo Finanzen und Lehrtätigkeit miteinander gekoppelt waren. Dass ich dann, zum Abschluss meines Berufslebens praktisch wieder zu Finanzen und Lehrtätigkeit gekommen bin, war für mich ein krönender Abschluss. Ich brachte 1990 ja genug Erfahrung von der Finanzschule Gotha mit. Zusätzlich verfügte ich über Leitungserfahrung und Menschenkenntnis. Ich wusste: „Ich kann das einbringen, um eine Akademie aufzubauen!“**
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*Berthold Deutscher war in den 1990er Jahren nicht nur maßgeblich am Aufbau der Ostdeutschen Sparkassenakademie, heute Nord-Ostdeutsche Sparkassenakademie, beteiligt, sondern verantwortete als kommissarischer Leiter im Alter von 63 Jahren 1996 auch den Umzug von Rahnsdorf nach Potsdam. Als Deutscher 1998 in Rente ging, blickte er auf ein aufregendes, fast 50-jähriges Arbeitsleben zurück. Bis 2003 stand Berthold Deutscher der Akademie noch als Dozent zur Verfügung. Geboren 1933, begann bereits mit 15 Jahren sein Einstieg ins Berufsleben. 1951 beendete Deutscher erfolgreich seine Lehre bei der Kreissparkasse Leipzig. In den Jahren darauf nahm er ein Studium an der Fachhochschule für Wirtschaft in Gotha, anschließend an der Hochschule für Ökonomie in Berlin auf. Als Diplom-Wirtschaftler war er bis Mai 1990 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA) in Berlin tätig. Am 16. Mai 1990 übernahm Deutscher als Verbands-Abteilungsdirektor neben vielen anderen Aufgaben auch den Aufbau einer Akademie für die Mitgliedssparkassen. Bis zu seinem Tod am 13. November 2019 blieb er in Kontakt mit seinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, wurde zu Treffen eingeladen, blieb geschätzt und beliebt als „Mann der ersten Stunde“, als lebenserfahrener Gesprächspartner, aber vor allem auch als stets respektvoller Vorgesetzter.

**Auszug aus dem Zeitzeugeninterview mit Berthold Deutscher vom 06.08.2014.

***Bild Textmitte, Auszug aus Akte 101-7/1999.

  • © 1. Stadtkarte/Weg: Google, Kartendaten © 2021 GeoBasis-DE/BKG (©2009); 2. Bild Marienplatz 9: https://www.sparkasse-mecklenburg-schwerin.de; 3. weitere Bilder: Archiv des Ostdeutschen Sparkassenverbandes

  • Sparkasse am Leninplatz (Marienplatz), 1980er Jahre : © Historisches Archiv des OSV

  • Schwerin um 1909 : © Historisches Archiv des OSV

  • Sparbücher aus Schwerin, 1942 und 1905 : © Historisches Archiv des OSV

  • Sieben Skulpturen schmücken das Haus Puschkinstraße/Ecke Lindenstraße. Im Bild die Allegorien auf die Wohltätigkeit, Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und das Bewahren des Ersparten. : © Historisches Archiv des OSV

  • Blick in die Ausstellung, Puschkinstraße/Ecke Lindenstraße : © Historisches Archiv des OSV

  • Ausstellungsraum, Detailbild Vitrine : © Historisches Archiv des OSV

  • Unsere kleine Zeitreise endet am Schweriner Schloss, mit garantierter Erholung an oder auf den Gewässern der Stadt! : © Historisches Archiv des OSV

Auf einem Spaziergang durch Schwerin 200 Jahre Sparkassengeschichte erleben

Sommer, Sonne, Städtetrip. Unser Vorschlag für Sie: ein Besuch der sehenswerten Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns. Schwerin. Ein altehrwürdiger Ort, dem bereits 1160 das Stadtrecht verliehen worden ist.

In Corona-Zeiten ist es wahrlich nicht einfach, unterwegs zu sein, geschweige denn, Kultureinrichtungen zu besuchen. Doch ein historischer Stadtrundgang ist immer möglich. Wir haben für Sie anlässlich des Geburtstages der ältesten mecklenburgischen Sparkasse am 5. Juni einen Spaziergang zusammengestellt, der Sie auf die Spuren von Sparkassengeschichte(n) aus 200 Jahren führt:

Wir starten unsere Zeitreise in der Gegenwart, auf dem Marienplatz 9. Hier befindet sich heute der Hauptsitz der Sparkasse Mecklenburg-Schwerin, die mit der jüngsten Fusion in diesem Jahr nun zu den größten der acht Sparkassen in Mecklenburg-Vorpommern gehört. Über 500 Beschäftigte, die Auszubildenden eingeschlossen, stehen mit ihren Beratungsleistungen vor Ort den Menschen der Landeshauptstadt und des Landkreises Ludwigslust-Parchim stets zur Seite, auch in Pandemiezeiten. Die Aktivitäten im Jubiläumsjahr finden Sie hier.

Doch zurück zu unserer

1. Station, Marienplatz 9

Dieser zentrale Ort führte einst die Landstraßen nach Schwerin zusammen. Im 19. Jahrhundert sprach man noch vom „Platz vorm Mühlentor“. Erst 1843 benannte man den Platz um. Er erhielt seinen wohlklingenden Namen nach einer Schwester des Großherzogs Paul Friedrich (1800-1842), Enkel und Nachfolger von Friedrich Franz I., der uns noch einmal begegnen wird auf unserer Tour.

Seit 1938 ist der Platz um einen imposanten Backsteinbau reicher. In das modern ausgestattete Gebäude setzten die Architekten eine Kassenhalle, die mit dekorativen Holzbildhauerarbeiten und Deckenmalereien ausgeschmückt wurde. Es lohnt sich, einen Blick hineinzuwerfen. Die Sparkasse bezog das Haus als „Sparkasse der Landeshauptstadt Schwerin von 1821“ und war fortan in der Straße „An der Sparkasse“ zu finden. Heute, wie schon davor, heißt sie wieder Helenenstraße, ebenfalls nach einer Schwester von Paul Friedrich.

62 Mitarbeiter zählte die Sparkasse damals. Sie arbeiteten mit einem maschinellen Buchungsverfahren für den Giroverkehr, hatten ein automatisches Transportband für Sparbücher zur Verfügung, eine Frankiermaschine und ab 1940 sogar eine Geldzählmaschine. Die Bilanzsumme der Sparkasse betrug 1938 fast 27 Millionen Reichsmark, bereits 1929 war die 10-Millionen-Grenze überschritten worden. Der wachsende Geschäftsverkehr hatte letztlich zum Hausbau und zur Erweiterung des Betriebes geführt. So wurden 1936 fünf Grundstücke gekauft, die der Architekt und Stadtplaner Professor Paul Fliehter mit einem Neubau gestaltete, „der den stärkeren Verkehr abwickelt und zugleich Geschäftszentrum der Stadt ist.“

Bevor wir weitergehen, blicken Sie noch einmal in Richtung Deutsche Bank Filiale, Marienplatz 1-2. Hier gab es 1921 nach der Fusion mit der Vorschuß- und Grundbesitzerbank eine Zweigstelle der 1918 städtisch gewordenen Sparkasse, deren Hauptsitz sich zu dieser Zeit noch in der Königstraße, der heutigen Puschkinstraße, befand.

Zwischenstationen

Auf dem Weg dorthin – zu unserer 2. Station – machen wir einen kleinen Abstecher zu den Ursprüngen der Stadt Schwerin. So geht es vom Marienplatz über die Helenen-, Mecklenburg-, Schmiede- und Bischofstraße direkt zum ältesten Bauwerk der Stadt, dem Dom. Neben dem Schloss gehört er wohl zu den eindrucksvollsten Wahrzeichen Schwerins. Seine Grundsteinlegung fand 1171 statt, also nur wenige Jahre nach der Stadtgründung. Doch bis der ursprünglich romanische Bau, den Heinrich der Löwe persönlich mit einweihte, seinen über 117 Meter hohen Turm erhielt, sollten noch mehr als 600 Jahre vergehen. Erst am Ende des 19. Jahrhunderts war es soweit und damit in jenem Jahrhundert, das bis heute mit seinen zahlreichen Um- und Neubauten das ehemals großherzogliche Stadtbild prägt.

Wenn Sie den Dom besucht und ausgiebig bewundert haben, dann lassen Sie uns die  Bischofstraße weitergehen und auf der Friedrichstraße links abbiegen. Wir stehen nun auf der Arsenalstraße und haben den Pfaffenteich, umgeben von zahlreichen denkmalgeschützten Gebäuden, vor uns. Eine Pracht. Und bevor wir nun die August-Bebel-Straße entlangschlendern, könnten Sie einen weiteren Abstecher in die Arsenalstraße machen. Das Haus Nummer acht beherbergte zwischen 1923 und 1945 die Girozentrale Mecklenburg, eine Zweigstelle der Hannoverschen Girozentrale. Davor war es ein hochherrschaftlicher Hotelkomplex: Stern’s Hotel. 1848 wurde es eröffnet und empfing bis zum Umbau prominente Gäste, wie Richard Wagner oder Fritz Reuter. Nach 1945 fungierte es als Haus der Kultur und noch heute wird es als Kulturzentrum genutzt.

Die Straße weiter hoch finden Sie an der Ecke Arsenalstraße 20 / Wismarsche Straße 127-129 ein Beratungscenter der Sparkasse Mecklenburg-Schwerin für Firmenkunden. Das historisierende Bankgebäude steht ebenfalls unter Denkmalschutz und stammt aus dem Jahr 1905. Die Fassade wurde saniert und erstrahlt nach dreijähriger Bauzeit seit 2018 wieder in neuem Glanz.

Auf dem Rückweg zur August-Bebel-Straße lassen Sie den Pfaffenteich, früher „Mühlenteich“ genannt, einfach auf sich wirken. Hier war der Name tatsächlich Programm. Denn am Ostufer des künstlich angelegten Gewässers bepflanzten Geistliche der Domgemeinde ihre blühenden Gärten. Direkt am See war das sehr praktisch. Linkerhand sehen Sie übrigens einen weiteren Prachtbau, das im Tudorstil in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtete Arsenal. Die einstige großherzogliche Waffenkammer ist heute Sitz des Ministeriums für Inneres und Sport des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Wenn wir nun die August-Bebel-Straße entlanglaufen und rechts auf die Gaußstraße abbiegen, führt uns das geradewegs auf die Schelfstraße, beginnende Puschkinstraße. Wieder nach rechts gewandt, können wir unser Ziel schon sehen, die

2. Station in der Puschkinstraße/Ecke Lindenstraße

Bis zum Umzug zum Marienplatz 1938, aufgrund des stark angewachsenen Geschäftsverkehrs, befand sich in diesem imposanten, hellgelben Gebäude die Hauptstelle der Sparkasse bzw. Ersparniß-Anstalt, wie es damals hieß. Das Haus wurde nach 1990 gründlich saniert, umgebaut und 2018 schließlich verkauft. Der äußerst repräsentative Bau stammt aus den Jahren 1856/57. Er genügte modernsten Sicherheitsanforderungen gegen Feuer und Diebstahl. Der Baumeister, Theodor Krüger, wirkte ebenfalls am inneren Umbau der Schelfkirche mit. Die Kirche, vis-à-vis von der Sparkasse, gehört zu den wenigen barocken Backsteinkirchen Norddeutschlands und war eine der bedeutendsten Grablegen der herzoglichen Familie. Es lohnt sich, auch hier einen Blick hineinzuwerfen.

Doch zurück zum Sparkassenbau. Der Beschluss zum Neubau wurde im Jahresbericht für 1856 dargelegt. Er sollte in einer nicht „zu abgelegenen Gegend der Stadt“ entstehen. Aus diesem Grund entschied man sich zum Kauf von Grundstücken nahe der Schelfkirche, riss die seinerzeit dort stehenden baufälligen Häuser ab und trug damit, wie Sie sich heute noch mit eigenen Augen überzeugen können, zur „Verschönerung der Stadt“ bei.  

Bevor Sie das Gebäude betreten, das seit einigen Monaten einen sehenswerten Ausstellungsraum zur 200-jährigen Geschichte beherbergt, lassen Sie die Fassade einmal auf sich wirken. Der neogotische Stil wurde damals ergänzt durch sechs lebensgroße Skulpturen aus Zementguss. Der auch für den Schlossbau tätige Bildhauer Carl Georg Ludwig Wiese erschuf Allegorien auf die Wohltätigkeit, die Arbeitsamkeit, die Sparsamkeit sowie das Bewahren des Ersparten. Zu bewundern auf der Seite der Lindenstraße. Wenn Sie ganz genau hinschauen, erkennen Sie bei der letztgenannten das im Arm gehaltene und auf dem Knie abgestützte große Hauptbuch der Sparkasse. Es war eines der wichtigsten Arbeitsmittel jener Zeit. Schließlich fand sich jeder Sparer akkurat mit seinen Ein- und Rückzahlungen verzeichnet in diesem Buch wieder.

Auf der Seite der Puschkinstraße, 1856 noch Königstraße, prägen zwei Figuren die Fassade, welche die Klientel darstellen und gleichzeitig typisch waren für Schwerin und Umgebung: der ländliche Arbeiter und der Handwerker. Die meisten Menschen lebten noch bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein in Mecklenburg-Schwerin von der Land- und Forstwirtschaft oder aber von der Fischerei. 1901 kam über dem Eingang eine letzte Skulptur von Ludwig Brunow hinzu: die Gelehrsamkeit. Damit haben wir insgesamt sieben Symbole, die eng mit der Sparkassenidee verbunden sind und wofür Sparkassen auch heute noch stehen.

Zu guter Letzt blicken Sie am Gebäude hinauf und erkennen abermals den romantisierenden Tudorstil mit einer auffallenden Eckausbildung. In großen Lettern wird an den ersten eigenen Sitz an dieser Stelle erinnert: „Ersparniß-Anstalt / eröffnet am fünften Juny 1821, / hierher verlegt am 7. August / 1857.“ Im ersten Stock, über den Geschäftsräumen, dürfen Sie sich die Wohnung des für diesen Neubau verantwortlich zeichnenden Sparkassendirektors und Geheimen Kanzleirats Peter Friedrich Rudolph Faull vorstellen.

Im Jahr 1918, also fast 100 Jahre nach ihrer Gründung, wurde die Ersparnisanstalt eine städtische Einrichtung. Das brachte viele Vorteile mit sich. So gab es keine Höchstgrenze mehr für Spareinlagen und der Scheck- und Überweisungsverkehr wurden aufgenommen. Eine bankmäßige Ausgestaltung des Instituts war nun möglich geworden und wurde vorangetrieben. Ab 1920 konnten Wertpapiere nicht nur sicher verwahrt, sondern auch an- und verkauft werden. Neue Annahmestellen in entfernt liegenden Stadtteilen wurden eröffnet. 1921 schließlich erfolgte die bereits erwähnte Fusion mit der Vorschuß- und Grundbesitzerbank.

Im selben Jahr fanden Verhandlungen mit der Girozentrale Hannover statt, zu der die Girozentrale Mecklenburg als Zweigstelle gehörte. Sie fungierte als Kommunalbank, betrieb kein Spareinlagengeschäft, wie die Sparkasse, sondern übernahm vielmehr deren Bankgeschäfte. Im Ergebnis reduzierte sich der Aufgabenbereich der Ersparnisanstalt wieder auf das Spareinlagen- und Hypothekengeschäft. Ein herber Rückschlag. Aus Ermangelung eigener Räumlichkeiten, bis zum bereits erwähnten Umzug in das ehemalige Hotel Stern’s am Pfaffenteich, kam die Girozentrale in der Königstraße 11 unter und nutzte zusätzlich die Sparkasseneinrichtungen gegenüber. Das Gebäude der Nummer 11 wurde übrigens um 1740 errichtet. Die Geschäftsstelle der Girozentrale nutzte das Eheschließungszimmer im Standesamt, das sich laut Historiker Wilhelm Jesse seit 1900 nicht mehr im Rathaus befand.  Mitte der 1990er Jahre wurde das denkmalgeschützte Haus saniert und beherbergt heute Wohnungen.

Wenn Sie mögen, dann schauen Sie sich unbedingt auch die Ausstellung an. Die Vitrinen zeigen interessante sparkassenhistorische Objekte aus den Sammlungen der Sparkasse selbst und des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, wie zum Beispiel Werbung längst vergangener Zeiten, Spiele, Maschinen, frühere Möglichkeiten der Geldaufbewahrung oder auch das Muster der DDR-Geldkarte. Schön ist, dass man im Ausstellungsraum auf der eigenen Reise in die Geschichte auch filmisch begleitet wird.

Haben Sie die Ausstellung gesehen, dann bewegen wir uns weiter und gelangen schließlich zur

3. Station, dem Altstädtischen Rathaus am Markt

Sie brauchen erst einmal eine kleine Verschnaufpause? Kein Problem. Die Puschkinstraße lädt, noch etwas abseits vom touristischen Trubel in der Schloßstraße und rund ums Schloss selbst, mit einigen schönen Lokalitäten zum Verweilen und Erholen geradezu ein. Wieder frisch und gestärkt den Weg anschließend fortsetzend, stehen Sie bald vor dem zweiten Domizil der Schweriner Sparkasse, dem alten Rathaus am Markt. Ein goldener Reiter ziert den Bau – der Stadtgründer Heinrich der Löwe. Zwei Zimmer, über dem Durchgang zum heutigen Schlachtermarkt gelegen, hatte die Sparkasse 1834 angemietet. Ab demselben Jahr erhielt das Rathaus zum Marktplatz hin seine noch heute erhaltene historisierende Fassadengestaltung im Stil der Tudorgotik. Ermöglicht wurde diese Verschönerung durch Sparkassengelder. Denn durch die Vorauszahlung der Miete konnte der Magistrat der Stadt nicht nur „den schon lange beabsichtigten Durchbau des Rathauses“ realisieren, sondern auch das Erscheinungsbild verbessern. Kein geringerer entwarf die Pläne als der Schinkelschüler und Schweriner Schlossbaumeister Georg Adolph Demmler (1804-1886).

Lange blieb die Sparkasse nicht an diesem Ort. Bereits 1856 stellte Direktor Faull im Jahresbericht fest: „Die […] überaus große Ausdehnung des Instituts hatte schon lange eine Unzulänglichkeit des jetzt im hiesigen Rathause […] benutzten Locals dargethan, indem eines Theils eine dringend nothwendige Vermehrung des Cassen-Personals wegen Mangels an Raum unterbleiben mußte, andern Theils der sich stets mehrende Andrang des Publicums in den Terminszeiten große Uebelstände nach sich zog.“  Der Gesamtverkehr, führte Faull weiter aus, „stieg auf mehr als eine Million Thaler.“ Interessant ist, dass der „größere Theil“ der Einlagen seinerzeit nicht aus Schwerin, sondern „aus anderen Städten und vom platten Lande“ stammte. Diese Tatsache tat dem karitativen Wirken der Sparkasse in der Stadt jedoch keinen Abbruch. Entweder vergab sie aus den jährlichen Überschüssen Geldgeschenke oder aber zinslose bzw. niedrigverzinste Darlehen. In den Jahren im Rathaus leistete die Sparkasse einen großen Beitrag, um die Not „ärmerer Volksklassen“ zu lindern. Das war dringend notwendig, denn fast die Hälfte der Bevölkerung galt als hilfsbedürftig. So kam 1856 die Eröffnung einer Suppenanstalt, die Essen auf Marken ausgab, zum richtigen Zeitpunkt. Gleichzeitig förderte die Anstalt den Straßenausbau in Schwerin. Sicherlich haben Sie auf Ihrem Spaziergang schon die Granitplatten entdeckt. Diese Befestigung der Bürgersteige förderte die Sparkasse über Jahrzehnte, ebenso wie die Einrichtung des Krankenhauses und von Schulen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war das Rathaus schließlich sogar für den Schweriner Verwaltungsapparat zu klein geworden. In der „Geschichte der Stadt Schwerin“ notiert Wilhelm Jesse, dass unter anderem Standesamt, Stadtkasse und Steuerverwaltung ausziehen mussten. Sie fanden schöne Domizile in der Puschkinstraße 11 und 13, gegenüber der Ersparnisanstalt. Und Sie erinnern sich: In der Puschkinstraße 11 zog einige Jahre später die erste Girozentrale für Mecklenburg ein.

Doch nun lassen Sie uns weitergehen zu unserer

4. und letzten Station, zur Schloßstraße 5

Der Puschkinstraße immer weiter nach Süden folgend, Richtung Großer Moor, biegen Sie links in die Schloßstraße ab. Vor der Nummer fünf stehend, stellen Sie sich vor, dass hier, im ehemaligen „Großherzoglichen Hofmarschall Amtsgebäude“ alles seinen Anfang nahm. Schwerin hatte zu dieser Zeit etwa 6.000 Einwohner. Im gesamten Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin lebten nach amtlicher Zählung etwa 380.000 Menschen, als am 5. Juni 1821 eine Sparkasse in einem kleinen Raum ihre Türen denjenigen „Bewohnern der Stadt Schwerin“ und „jedem Auswertigen“ öffnete, die als „minder Begüterte“ galten. Erstmals erhielten diese Bevölkerungsgruppen in der Geschichte Mecklenburgs eine Möglichkeit, „ihre geringen Ersparnisse vortheilhaft zu nutzen; sie gegen Diebstahl und andere Unglücksfälle zu sichern.“ So steht es in den „Grundeinrichtungen der Ersparniß-Anstalt zu Schwerin“ geschrieben, die im Wesentlichen vom Regierungsrat und Förderer der Sparkassenidee in Schwerin Ernst Johann Wilhelm von Schack ausgearbeitet worden ist. Als Vorlage diente ihm die Satzung der Ersparniskasse zu Neufchâtel in der Schweiz, die er in einer Schrift des Rostocker Kaufmanns Christian Friedrich Hennings fand. Nachfolgende Sparkassengründer in Mecklenburg nahmen sich Schacks Werk zum Vorbild.

Genehmigt und bestätigt wurde die wohltätig wirkende Privatanstalt von einem Großherzog, der seit seinem Regierungsantritt bestrebt war, „die Vervollkommnung aller Zustände seines Landes“ voranzutreiben. Der „leibliche und geistige Zustand eines großen Teils seiner Untertanen welcher ihn besonders nahe berührte, nämlich der bäuerlichen Bevölkerung auf den großen Domänen seines Hauses“, lag ihm sehr am Herzen. Die Rede ist von Friedrich Franz I. (1756-1837). Und so liegt es nahe, dass er sich mit eigenem Kapital ebenso an der Absicherung der Sparkasse beteiligte wie angesehene und vermögende Bürger der Stadt, von denen insgesamt zwanzig ehrenamtlich das Vorsteheramt und damit die Verantwortung für die Sparkasse übernahmen.

Die Denkschrift zum 100-jährigen Bestehen, verfasst vom zu der Zeit amtierenden Sparkassendirektor Wilhelm Schober, stellte die Entwicklung kurz nach der Gründung in Zahlen wie folgt vor: Bereits nach fünf Jahren waren 1.900 Sparer zu verzeichnen und die Einlagen auf 95.007 Taler angewachsen. Die anfangs ausgegebenen Aktien, die der Absicherung der Anstalt gedient hatten, waren vollständig zurückgezahlt. Noch vor dem 10. Jahr des Bestehens konnte die erste Million, keine 20 Jahre später die zweite, umgerechnet in Mark 1921, ausgewiesen werden. Die Sparkasse hatte sich besser entwickelt, als von den Gründern je beabsichtigt war. Die Menschen brachten der Anstalt von Anfang an großes Vertrauen entgegen, was sicherlich zu ihrem schnellen Erfolg beitrug. Beides machte es der Sparkasse schon bald nach ihrer Einrichtung möglich, sich in den Dienst „gemeinnütziger Zwecke“ zu stellen.

Das an französische Renaissancebauten erinnernde Hofmarschallamt vor dem Sie nun stehen, das 1834 aufgrund der genannten Entwicklungen zu klein geworden war für die Sparkasse, finden Sie heutzutage in einer architektonischen Version aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit hatte Schwerin etwa 40.000 Einwohner. Wie schon erwähnt, prägte insbesondere jenes Jahrhundert und Großherzog Friedrich Franz II. (1823- 1883) mit seinen in Auftrag gegebenen Bauten das Stadtbild neu und machte den Ort zu dem, was wir noch immer betrachten und genießen können: eine repräsentative Residenzstadt.

Hier endet unsere kleine historische Reise durch 200 Jahre Sparkassengeschichte in Schwerin. Vor Ihnen liegt nun das romantisch-prachtvolle Schloss, das zu besuchen, sich immer wieder lohnt. Da es natürlich noch viel mehr zu erzählen gäbe, an dieser Stelle einige interessante Tipps zum Stöbern und Nachlesen:

  • Heimspardose und Blechsparbüchse, von Kollegen im mütterlichen Keller bzw. auf dem Trödelmarkt aufgestöbert und dem Archiv für die Sammlung überlassen. : © Historisches Archiv des OSV

  • Viele Heimsparbüchsen wurden mehrmals im Jahr geleert. Die Anschaffungskosten trugen die Sparkassen. Sie behielten auch oft die Schlüssel. Die Blechspardosen wurden als Werbemittel ausgegeben. Schloss und Schlüssel besitzen sie nicht.

  • Weltspartag in Berlin 1953 - Werbung mit übergroßer Heimspardose : © Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

Neuzugang

Ich wurde einmal gefragt, über welche Archivzugänge ich mich am meisten freuen würde. Die Antwort darauf fiel mir ausgesprochen leicht:

Da sind zum einen Sparkassenkunden, die beispielsweise etwas zu Erbstücken wissen wollen oder etwas entdeckt haben. Sind alle Fragen beantwortet, erhalten wir das betreffende Objekt oft für das Archiv. Zum anderen sind da die Kolleginnen und Kollegen. Wenn sie sich an uns wenden, dann ist es für uns in zweierlei Hinsicht toll. Denn sie haben an uns gedacht, sich Gedanken gemacht, bevor sie den für sie selbst unnütz gewordenen Gegenstand entsorgen oder einem Händler zum Kauf anbieten. So wächst unsere Sammlung um Stücke, die wir nicht durch systematische Bestandsergänzung planmäßig anschaffen. Der Überraschungseffekt ist also jedes Mal groß. Gleichzeitig finden wir unseren Eindruck bestätigt, dass wir mit unserer Arbeit wahrgenommen werden und im Hinterkopf der Belegschaft stets präsent sind. Ein schönes Gefühl.

Jüngst haben wir von Kollegen zwei Spardosen der Sparkasse der Stadt Berlin West erhalten. Eine grüne Heimspardose aus den 1950er Jahren und eine bunte Blechspardose aus den 1960er Jahren. Beide Varianten hatten wir noch nicht im Archiv. Auf den ersten Blick ähneln sie sich in der äußeren Form und ihrem Zweck. Beide sollten den Sparsinn wecken und fördern. Doch schaut man genauer hin, erzählen sie zwei sehr unterschiedliche Geschichten.

Das Heimsparkassenprinzip gehörte laut Pohl* seit 1904 zum Kleinsparwesen in Deutschland. Das ursprünglich vom amerikanischen Bankier Walter Francis Burns in den 1890er Jahren entwickelte System verbreitete sich schnell weltweit und wurde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auch in Deutschland zum Erfolg. Die Möglichkeit, minimalste Beträge regelmäßig zu Hause sparen zu können, ohne sich gleich mit Pfennigen auf den Weg zur örtlichen Sparkasse machen zu müssen, traf den Nerv der Zeit. Das galt insbesondere auch für die harten Aufbaujahre nach dem Krieg. 1952 fanden sich durchschnittlich 7,10 DM in jeder bundesdeutschen Heimsparbüchse einer Sparkasse. Noch 1963 lag der durchschnittliche Sparbetrag bei 12,10 DM. Fünf Jahre später stellt Schrader** fest, dass die „Summe der seit der Währungsreform eingenommenen Beträge aus allen Kleinsparverfahren […] Mitte 1968 die 10-Mrd.-DM-Grenze überschreiten [wird].“ Keine Kleinigkeit, so sein Fazit. Fast alle bundesdeutschen Sparkassen beteiligten sich am Heimsparbüchsensparen. „Ende 1966 waren mehr als 6 Millionen Spardosen der Sparkassen in Betrieb, nahezu viermal soviel wie Ende 1956“. Der Durchschnittssparbetrag pro Dose nahm fast jedes Jahr zu. Damit verzeichnete diese Sparart die vergleichsweise günstigste Entwicklung unter allen Kleinsparverfahren.

Die zweite Spardose aus den 1960er Jahren reiht sich ein in eine ganze Serie derselben Form, insbesondere aber auch derselben Werbebotschaften: „Wer spart, gewinnt“ und „Sparen macht Freude“. Wir wissen, dass diese Dosen in Berlin West bereits zum Weltspartag 1959 ausgegeben worden sind. Das Motto aus jenem Jahr „Sparen gibt Rückhalt“ klebt breit über einer mit Märchenmotiven gestalteten Blechspardose, die wir bereits im Bestand hatten. Kennzeichnend für die Serie ist, dass sie das Signet der Sparkasse der Stadt Berlin West trägt – ein außergewöhnlich dynamisches „S“, das zwischen 1955 bis 1971 verwendet und von Hans-Joachim Schlameus, Professor an der Hochschule für bildende Künste, heute Universität der Künste Berlin, kreiert wurde. Das Kleingedruckte „KOPPE SO 36“ auf der Spardose verweist auf den Hersteller, die 1888 gegründete Firma Gebr. Koppe AG. Sie ließ sich Anfang der 1950er Jahre in Berlin-Kreuzberg, Schlesische Straße 26 nieder, heute ein stylischer Mietkomplex in einem altehrwürdigen Industriebau aus den Jahren 1910 bis 1913. „SO 36“ verweist auf die frühere Postleitzahl, wobei „SO“ für Kreuzberg-Südost und „36“ für das Zustellpostamt steht.

Die Sparkasse der Stadt Berlin West arbeitete bei der Herstellung der Spardosen also mit einem ortsansässigen Unternehmen zusammen, das bekannt für seine Blechpackungen, Plakate und Tuben war, und ließ sich gestalterisch viel einfallen, um für das Sparen zu werben. Leider sind uns die oder der Gestalter namentlich nicht bekannt, doch anhand der Ergebnisse können wir feststellen, dass die Motive Gefallen gefunden haben und zur Produktion freigegeben worden sind. In den farbenfrohen Darstellungen wurden Themen aufgegriffen, die besonders Kinder in ihren Bann ziehen, wie Märchen, exotische Tiere des Zoos oder die Erforschung der Pole. Andererseits ging es um besondere Anlässe des Hauses, wie zum Beispiel den Bezug der neuen Sparkassenzentrale in der Bundesallee am 2. Juli 1965 oder das 150-jährige Jubiläum 1968. Auf den beiden letztgenannten Spardosen fehlen die Werbesprüche, sodass nichts von den herausragenden Ereignissen jener Jahre ablenkt.

Der Slogan „Sparen macht Freude“ und damit die Propagierung des Spargedankens gehört nach Angaben des Deutschen Sparkassenverlages zu den Schwerpunkten der Sparkassenwerbung in den 1950er Jahren. „Wer spart, gewinnt“ ist ein Motto, das mit dem 1952 neu eingeführten Prämiensparen seinen Anfang nimmt und viele Jahre die Sparkassenwerbung begleitete. 1974 bildete die Aktion mit dem Titel „Wer spart, gewinnt“ sogar den Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum des Weltspartages. Sie gilt als die bis dahin größte Werbeaktion in der deutschen Sparkassengeschichte. Mit der Kombination aus Sparen und Lotterieteilnahme beim Prämiensparen, kurz PS-Sparen, ist der richtige Anreiz geschaffen worden, um das regelmäßige, langfristige Sparen für breite Bevölkerungsschichten wieder oder überhaupt erst attraktiv zu machen. Die Förderung durch den Staat begünstigte ebenfalls das längerfristige Sparen. In Berlin konnte 1963 die erste Milliarde an Spareinlagen verbucht werden, wobei die durchschnittliche Anlagezeit mehr als drei Jahre betrug. Zum Ende der 1960er Jahre, so berichtet stolz die Chronik, war jeder zweite Berliner Sparkassenkunde.

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*Pohl, Hans [u. a .]: Wirtschafts- und Sozialgeschichte der deutschen Sparkassen im 20. Jahrhundert, Stuttgart, 2005.

**Schrader, Gerhard: Wird Kleinsparen noch großgeschrieben?, in: Sparkasse, 1968. H. 3, S. 41-44.

  • Anlässlich des 70. Geburtstages des ersten sächsischen Königs Friedrich August I., am 23. Dezember 1820, wurde die baldige Sparkasseneröffnung in der Haupt- und Residenzstadt Dresden angekündigt. : © Konventionstaler von 1823, Historisches Archiv des Ostdeutschen Sparkassenverbandes

  • Der erste Standort der Dresdner Sparkasse war "am Seethor, dem Wachhaus gegenüber [...]". Sie ist die älteste der heute noch bestehenden Sparkassen in Sachsen. Ihre Satzung wurde Vorbild für viele der danach gegründeten sächsischen Sparkassen.

  • Ein- und Auszahlungen in Konventionsgeld wurden 1821 noch in sog. Quittungsbüchern, den späteren Sparkassenbüchern, vermerkt. Jeder Kunde erhielt ab der ersten Einlage so ein Buch, das bares Geld wert war. Denn Rückzahlungen erfolgten laut Regulativ "unweigerlich an den Ueberbringer des Quittungsbuches; und die Kasse ist jedenfalls nur für den in diesem Buche angemerkten Betrag verantwortlich". : © Sparbuch von 1909, Historisches Archiv des Ostdeutschen Sparkassenverbandes

  • Der Dresdner Schriftsteller Friedrich August Schulze, alias Friedrich Laun, schrieb 1822 den Roman "Die Sparkasse". Er verwendete so viele Details seiner Heimatsparkasse, dass wir uns heute ein sehr realistisches Bild von den Anfängen des damaligen Betriebs machen können.

Für die Menschen vor Ort: Vor 200 Jahren wurde die Dresdner Sparkasse eröffnet

Am 3. Februar 1821, einem Sonnabend, öffnete in Dresden erstmals eine Sparkasse ihre Türen. Zugutekommen sollte diese neue Anstalt den ärmeren Einwohnern der Stadt, „besonders denen der dienenden und arbeitenden Klasse“. Kleine Ersparnisse „sicher und gegen Zinsen“ anlegen zu können, war das erklärte Ziel. Auf diese Weise sollte für schlechte Zeiten vorgesorgt werden. Daher waren Einzahlungen schon ab acht Groschen möglich und durften 30 Taler nicht überschreiten. Für jeden „vollen Thaler“ gab es monatlich einen Pfennig an Zinsen – und zwar schon ab dem ersten Tag des folgenden Monats.

Ähnliche, am Gemeinwohl orientierte, Initiativen hatte es im Königreich Sachsen bisher nur von Standesherren in Königsbrück und Waldenburg gegeben. Beide richteten bereits 1819 örtliche Sparkassen ein und sorgten mit ihrem Privatvermögen für die Absicherung der getätigten Einlagen. Die dritte sächsische Sparkassengründung in der königlichen Haupt- und Residenzstadt hob sich von diesen beiden Unternehmungen deutlich ab. Denn sie ging auf das große Engagement lokaler Kaufleute und Bankiers zurück. Vorbilder dafür gab es lediglich außerhalb des Königreichs.

Einen Denkanstoß für die Entwicklung einer solchen Bürgerinitiative haben wir Polizeirat Johann Daniel Merbach zu verdanken. Er beschäftigte sich 1818 – also bevor es überhaupt Sparkassen in Sachsen gab und zu einer Zeit, da in der Stadt das Armenwesen neu organisiert wurde – ernsthaft mit der Gründungsidee für Dresden. Für ihn war es wichtig, „dem gänzlichen Verarmen und insbesondere den gefährlichen Folgen entgegenzuwirken“. In einem Vortrag vor dem Stadtpolizei-Kollegium unterstrich er, „daß die Sparkassen unter die Verhütungs- und Sicherheits-Anstalten gegen die Gefahr der Armuth, mithin ebenso mit Recht unter die Kategorie der Polizei-Anstalten gehören.“

Der armenpflegerische Hintergrund trug ganz wesentlich zur Entstehung der Sparkasse in Dresden bei. Polizeipräsident von Rochow war derart angetan von dem Gedanken, so eine Anstalt in seiner Stadt zu haben, dass er vertiefende Informationen zu Gründungen in anderen Staaten einholte und Umsetzungsmöglichkeiten in Dresden direkt im Stadtpolizei-Kollegium beraten ließ. Zwei Wege kamen in Betracht: Eine Kopplung an das seit 1768 bestehende Leihhaus oder aber die Inanspruchnahme des Wohltätigkeitsvereins „Zu Rath und That“. Da die Stadt der ersten Variante eine Absage erteilte, blieb noch der Verein. Dieser war bereits seit 1803 in Dresden tätig und hatte sich auf die Fahnen geschrieben, „der Verarmung der Einwohner hiesigen Orts entgegen zu arbeiten.“ Der ideale Partner also für ein altruistisches Projekt wie die Sparkassengründung. Von Rochow war selbst Vereinsmitglied und konnte sich der Offenheit für dieses neuartige Vorhaben sicher sein. Das Problem, das sich jedoch herauskristallisierte, war die Unterbringung und die gewünschte Verzinsung der Sparkassengelder in Höhe von fünf Prozent.

Fast wäre die Gründungsoffensive daran gescheitert. Doch nun traten eben die erwähnten Bankiers und Kaufleute in Erscheinung. Wohlhabende und angesehene Bürger der Stadt, manch einer Mitglied im Verein „Zu Rath und That“ und alle interessiert daran, Gutes zu tun. Sie ersuchten den König, die Sparkassengründung zu genehmigen, boten die ehrenamtliche Übernahme des Betriebs an, zahlten die Zinsen für Sparkassengelder in Höhe von fünf Prozent und garantierten die Sicherheit der Einlagen. Ihr Einsatz wurde belohnt. Drei Tage vor seinem 70. Geburtstag, am 20. Dezember 1820, stimmte Friedrich August I. der Eröffnung der ersten sächsischen Vereinssparkasse zu. Das Regulativ wurde von ihm am 1. Februar 1821 genehmigt. Zusätzlich unterstützte der Monarch das Vorhaben mit 100 Talern pro Jahr zur Deckung der Verwaltungskosten.

Auch die ersten Räumlichkeiten „am Seethor, dem Wachhaus gegenüber“ gehen auf das königliche Wohlwollen zurück. Denn im September 1820 bezog bereits die Schützesche Unterrichts- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde das ehemalige Akzisehaus (Zollhaus) vor dem Seetor. Der König hatte es Heinrich Ferdinand Schütze überlassen, der sich als gut situierter Kaufmann nicht nur für diese Anstalt unermüdlich einsetzte, sondern auch selbst zu den aktiven Sparkassengründungsmitgliedern gehörte. Ab 1821 beherbergte das Gebäude dann zwei wohltätige Einrichtungen für die Stadt Dresden.

Bis die Sparkasse am 16. Mai 1828 von der Stadt Dresden übernommen wurde, entwickelte sie sich zu einem von Grund auf soliden Institut. Bereits im ersten Jahr waren 27.544 Taler auf insgesamt 1.275 Sparbüchern zu verzeichnen. Die Einlagenbestände wuchsen stetig weiter und betrugen 1828 insgesamt 82.435 Taler. Die Einwohner Dresdens nahmen die Möglichkeiten, die ihnen ihre örtliche Sparkasse bot, gern an. Die „Flure des Sparkassengebäudes [sind] voll von Leuten beider Geschlechter und jedes Alters“, führt der zeitgenössische Schriftsteller Friedrich August Schulze, alias Friedrich Laun, in seinem Roman „Die Sparkasse“ 1822 aus und weiter heißt es: „Der Sonnabend ist der Tag, wo die Kasse geöffnet wird […] der Zulauf [ist] so groß, daß das Institut ausdrücklich erklärt hat, Summen über dreißig Thaler nicht annehmen zu können.“

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Buchempfehlung!
Wysocki, Josef: Stadtsparkasse Dresden 1821-1996, Geschichte und Gegenwart, Stuttgart, 1996.

Bildquellen:
Seetor, in: Krause, Bruno:  Die geschichtliche Entwicklung der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Dresden vom sorbischen Dorfe an bis zur jetzigen Großstadt, Dresden, 1893.
Portrait F. Laun, in: Friedrich Laun’s gesammelte Schriften, Stuttgart, 1843.

  • gestaltet von Rudolf Pfennigwerth, ca. Ende 1920er/1930er Jahre : © Historisches Archiv des OSV

Weihnachtszeit ist Märchenzeit

Viele städtische Sparkassen förderten ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert den Kleinspargedanken und trugen damit zur Sparerziehung bei. Schön gestaltete Sparkarten, wie diese hier aus Dresden, sprachen besonders Kinder und Jugendliche an. Konnten sie regelmäßig einen bestimmten Betrag – zuerst 10 Pfennige, später oft auch 50 Pfennige – erübrigen, war die Karte oder auch ein kleines Heft schnell bis aufs letzte Feld beklebt mit Sparmarken. Die Gutschrift auf ein Sparbuch erfolgte anschließend bei der örtlichen Sparkasse.

Was bei Kindern und Jugendlichen mindestens genauso gut ankam, waren Märchen. Für Erwachsene aufgeschrieben, von Kindern gern gehört, bietet die besinnliche Weihnachtszeit bis heute einen ganz besonderen Rahmen für phantastische Geschichten und Träumereien. Wie inspirierend Dresden für E.T.A. Hoffmann, einen der bekanntesten Dichter der Romantik, war, lässt sich im „Märchen aus der neuen Zeit. Der goldne Topf“ nachlesen: Am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr, rannte ein junger Mensch in Dresden durchs Schwarze Tor, und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feilbot […]

Entdecken Sie das Märchen, das 1814 in einer schweren, krisenbehafteten Zeit entstand, noch einmal neu und lassen Sie gemeinsam mit unserem Studenten Anselmus, dem Helden der Geschichte, die reale Alltagswelt hinter sich, um in das Reich der Phantasie einzutauchen. Erleben Sie die königliche Haupt- und Residenzstadt Dresden zu einer Zeit, in der nur wenige Jahre später eine Sparkasse eröffnet wurde, um dem gänzlichen Verarmen und insbesondere den gefährlichen Folgen entgegenzuwirken.*

Ja, die Sparkasse in Dresden feiert im kommenden Jahr tatsächlich schon ihren 200. Geburtstag. Doch darüber berichten wir später. Nun ist erst einmal Weihnachten und wir Blogautoren wünschen Ihnen eine gesunde, friedliche & vor allem märchenhafte Zeit!

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*zitiert nach Wysocki, Josef: Stadtsparkasse Dresden 1921–1996. Geschichte und Gegenwart. Hrsg. von d. Stadtsparkasse Dresden, Stuttgart, 1996. S. 13; vgl. auch Böhmert, Victor: Das sächsische Sparkassenwesen von 1821 bis 1881. In: Die Sparkasse, 1883, Nr. 62, S. 3.