• In Duderstadt warteten Bürger nicht etwa stundenlang auf die Auszahlung des Begrüßungsgeldes, sondern "durchschnittlich 2 Minuten". Auch von "Stückelungs-Problemen" wie es sie in der "Finanzmetropole Frankfurt" gegeben haben soll, könne in der Kleinstadt keine Rede sein, so der Vorstand am 13. November 1989. : © Sparkasse Duderstadt

  • Den Grenzübergang Worbis/Duderstadt gab es schon seit Juni 1973. Doch bis zu dem außergewöhnlichen Wochenende nach dem Mauerfall im November 1989 hatte man so einen Ansturm von Reisenden aus der DDR in der Stadt noch nicht erlebt. : © Sparkasse Duderstadt

Duderstadt im Ausnahmezustand

Blogserie, Teil 2

Wer aus einer Kleinstadt kommt, kennt das gut: Am Wochenende geht es eher gemächlich zu. Sind die Läden geschlossen, ist der Markt beendet, dann sind die Straßen wie leergefegt. Man zieht sich zurück in die häusliche Idylle, geht abends vielleicht zu Freunden oder ins Kino. Das gilt besonders für graue und trübe Novembertage.

So wäre es sicherlich auch in Duderstadt, einer Kleinstadt im südöstlichen Niedersachsen, nahe der thüringischen Grenze, gewesen. Wenn nicht – ja, wenn nicht plötzlich in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag die DDR-Grenzen offen gewesen wären. Was in einem Ort mit etwa 22.000 Einwohnern ganz unerwartet passierte, warum ein Krisenstab eingerichtet werden musste, um das Wochenende vom 11./12. November 1989 zu managen, das hat heute vor 30 Jahren der Vorstand der Sparkasse Duderstadt in einem Schreiben an den Präsidenten des Niedersächsischen Sparkassen- und Giroverbandes, jetzt Sparkassenverband Niedersachsen, festgehalten.

Mit seiner Situationsbeschreibung bewies der Vorstand historischen Weitblick. Ergänzt mit Schnappschüssen von damals entstand für die Nachwelt ein sehr lebendiges Bild von jenen aufregenden Tagen nach der „Öffnung der DDR-Grenze“.* Doch lesen Sie selbst, wie die Sparkasse mit dem Besucheransturm fertig wurde und schließlich das Begrüßungsgeld in Höhe von 100 D-Mark pro Person professionell zur Auszahlung brachte:

Sehr geehrter Herr Präsident,

es ist uns ein besonderes Anliegen, Sie persönlich darüber zu informieren, daß wir am gerade vergangenen Wochenende aus dem Stand heraus die mit der Geldversorgung der DDR-Bürger zusammenhängenden Fragestellungen mit einem großen Kraftakt in jeder Hinsicht bewältigen konnten. Am Freitag haben wir nach Dienstschluß, gegen 17.30 Uhr, unsere Schalter sofort geöffnet; am Sonnabend und Sonntag waren wir dienstbereit von 8.00 bis 22.00 Uhr. In dieser Zeit haben wir über 10.700 Auszahlungen mit einem Gegenwert von über 1 Mio DM vorgenommen. Außerdem stellten wir die Geldversorgung für die Stadt Duderstadt mit über 12 Mio DM auch mittels der LZB Göttingen sicher.

Bei diesem Kraftakt konnten wir eine hohe Motivation unserer Mitarbeiter feststellen, wobei wir uns […] über erhebliche Klippen in Bezug auf Transport- und Versicherungsfragen sowie Bestimmungen der UVV-Kassen hinwegsetzen mußten […] sowohl sämtliche Führungskräfte unseres Hauses als auch der Vorstand persönlich [haben sich] von morgens bis spät in die Nacht, einschließlich Abstimmung mit dem örtlichen Krisenstab, engagiert […] Kassierer wurden sogar mehrmals spät nach Mitternacht eingesetzt.

Mit freundlichen Grüßen
[…]

Im Vergleich zu westdeutschen Großstädten wird nicht ohne Stolz hervorgehoben, dass es weder stundenlange Wartezeiten noch erhebliche Liquiditätsengpässe in Duderstadt gab. Die verhältnismäßig kleine Sparkasse mit seinerzeit etwa 500 Mio. D-Mark Bilanzsumme habe, so das Fazit des Vorstands, „besondere Flexibilität an den Tag gelegt und unter Beweis gestellt“.

Den pragmatischen Umgang mit einer unvorhergesehenen „Marktlage“ honorierte auch die Deutsche Sparkassenzeitung. Am 24. November 1989 berichtete sie unter der Überschrift „Duderstadt bewältigte Ansturm“ von dem erfolgreich gemeisterten historischen Moment in einer Kleinstadt an der deutsch-deutschen Grenze.

 Fortsetzung folgt am 25.11.2019

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*Betreffzeile des Schreibens vom 13.11.1989, das wir im Archiv haben; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA-Günther 2/2004.
** Auch zum 30. Jahrestag des Mauerfalls 2019 erinnert die Deutsche Sparkassenzeitung u. a. wieder an die Geschehnisse in Duderstadt.

  • Begrüßungsgeldauszahlung an der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz in Berlin-Charlottenburg im November 1989. : © Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

  • Anstehen fürs Begrüßungsgeld am Bus der Sparkasse der Stadt Berlin West am Breitscheidplatz in Berlin-Charlottenburg im November 1989. : © Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

  • Schlange stehen fürs Begrüßungsgeld in der Zentrale der Sparkasse der Stadt Berlin West in der Bundesallee 171 in Berlin-Wilmersdorf im November 1989. : © Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

  • Am S-Bahnhof Köllnische Heide in Berlin-Neukölln wird für die Begrüßungsgeldauszahlung auch ein Sparkassenbus der damaligen Kreissparkasse Aachen eingesetzt. : © Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

Mauerfall und Begrüßungsgeld – Der große Ansturm auf die Zweigstellen der Sparkasse in Berlin

Blogserie, Teil 1

Am 9. November 1989 um 18.00 Uhr beginnt in Ost-Berlin die im DDR-Fernsehen live übertragene Pressekonferenz mit Günter Schabowski, der in diesen Tagen als Sprecher des SED-Zentralkomitees fungiert. Schabowski gibt die neue Reiseregelung bekannt und fügt auf die Nachfrage eines Journalisten, wann die neue Regelung in Kraft treten soll, hinzu: „Sofort, unverzüglich!“. Diese Meldung wird schnell in den Medien verbreitet. Die Nachrichtensendungen der ARD und des ZDF berichten darüber. Bald setzt ein Massenansturm auf die Berliner Grenzübergänge ein und bis gegen Mitternacht wird die Öffnung aller Berliner Übergänge erzwungen.

Bereits am Abend verhandelt in West-Berlin der Senat mit Vorständen der Berliner Banken und in der Nacht verkündet der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper, dass ab 10. November bei der Sparkasse und bei allen übrigen Banken im Westteil Berlins Begrüßungsgeld in Höhe von 100 DM an alle DDR-Bürger ausgezahlt wird.

Am 10. November stehen bereits früh die ersten DDR-Bürger vor den Zweigstellen der Sparkasse in den westlichen Bezirken und fragen nach dem Begrüßungsgeld. Per Telefon-Rundruf werden morgens die rund 90 Zweigstellen informiert, damit möglichst pünktlich um 9.00 Uhr die Auszahlung beginnen kann. Aufgrund des immer stärker werdenden Andrangs bilden sich vor vielen Zweigstellen lange Schlangen. Bald wird nicht nur an den Kassen, sondern auch an vielen Schreibtischen an alle Personen, die einen Personalausweis vorlegen, ausgezahlt. Um Mehrfachauszahlungen zu verhindern, werden die Personalausweise mit einem Sparkassen- bzw. Datumsstempel versehen. Der normale Bankbetrieb kommt dabei zum Erliegen.

Am größten ist der Andrang in Zweigstellen, die in der Nähe von Grenzübergängen liegen. Auch Zweigstellen, die zentral gelegen und gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind, wie zum Beispiel am Zoologischen Garten, werden stark frequentiert. An der Gedächtniskirche kommt auf dem Breitscheidplatz zur Entlastung der dortigen Zweigstelle zusätzlich ein Bus der West-Berliner Sparkasse für die Auszahlung des Begrüßungsgelds zum Einsatz. Die Öffnungszeiten der Zweigstellen werden verlängert. Teilweise sind sie bis spät abends und darüber hinaus auch an den Wochenenden geöffnet. Viele Mitarbeiter aus den zentralen Abteilungen helfen aus. Eine große Herausforderung stellt auch die Versorgung der Zweigstellen durch die Sparkassenzentrale mit Bargeld dar. Aber alles läuft ohne größere Probleme ab und wird von einer großen, einmaligen Euphorie getragen.

Bald werden auch zwei weitere fahrbare Zweigstellen eingesetzt. Diese beiden Sparkassenbusse kommen zur Unterstützung von der damaligen Kreissparkasse Aachen und von der Nassauischen Sparkasse nach Berlin.

Ab Ende November stehen bei der Sparkasse nur noch zehn Sonderzahlstellen für das Begrüßungsgeld bereit, die an acht Standorten konzentriert sind. Eingestellt wird die Begrüßungsgeldauszahlung am 29. Dezember 1989. In diesen Wochen hat die Sparkasse im Westteil Berlins insgesamt rund 1,2 Millionen Auszahlungen bearbeitet und damit rund 120 Millionen DM ausgegeben.

Auch im Ostteil der Stadt bilden sich im November und Dezember 1989 lange Schlangen vor den Zweigstellen der Sparkasse. Alle DDR-Bürger, die eine Reiseerlaubnis vorweisen können, und nach der Grenzöffnung ist das praktisch jeder, sind zum Umtausch von 15 Mark der DDR in DM im Verhältnis von eins zu eins berechtigt. Rund 80 Prozent aller Währungsumtausche in Ost-Berlin werden von der Sparkasse durchgeführt. Aufgrund des Andrangs stehen die Menschen stundenlang nach dem Geld an. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, müssen viele Mitarbeiter neben ihrer eigentlichen Arbeit zusätzlich in den Zweigstellen aushelfen. Auch am Abend oder an den Wochenenden wird gearbeitet.

Die beiden Berliner Sparkassen haben aufgrund des umfassenden Einsatzes und der führenden Beteiligung bei der Auszahlung des Begrüßungsgeldes und beim DDR-Mark-Umtausch sowie im Juli 1990 bei der DM-Einführung in der DDR im Rahmen der Währungsunion erheblich zum Zusammenwachsen der beiden Stadthälften beigetragen. Zum Jahresende 1990 kommen auch die seit 1948 getrennten beiden Berliner Sparkassen unter dem Dach der neu gegründeten Landesbank Berlin wieder zusammen.

Klaus-Dieter Marten

Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

Fortsetzung folgt am 13.11.2019

  • Schlagzeilen aus ost- und westdeutschen Tageszeitungen vom 11. und 12.11.1989. : © Historisches Archiv des OSV

  • Blick in die Kundenhalle der Stadt- und Kreissparkasse Eisenhüttenstadt im Jahr 1989. : © Historisches Archiv des OSV

Mauerfall – Glücksfall: Aufbruch der ostdeutschen Sparkassen in eine neue Zeit

Vorwort zum Serienstart

Heute vor 30 Jahren waren nachts plötzlich die Grenzen offen. Ausgelöst durch einen dahingestammelten Satz, der in die Geschichte einging.

Begonnen hat dieses herausragende historische Ereignis auf einer Pressekonferenz. Gegen 19 Uhr informierte Günther Schabowski in seiner Funktion als Sprecher des Politbüros des ZK der SED über die neue Reiseregelung, „die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.“ Die Journalisten bohrten nach. Schabowski suchte nach Antworten in seinen Papieren. Offensichtlich fand er so schnell nicht die richtige, schien überfordert. Und so erklärte er auf Nachfrage: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“ und gelte sowohl für die BRD als auch für West-Berlin.

Was danach geschah, bewegte die Welt. Unvergessen sind die emotionalen Bilder von jubelnden, fröhlichen Menschen, die sich an den Berliner Grenzübergängen in den Armen lagen; und nur wenig später von endlosen Autoschlangen gen Westen und von Warteschlangen vor Sparkassen. Ein Land war im Aufbruch, im Umbruch, in der Wendezeit. Die Ereignisse überschlugen sich in den Wochen und Monaten bis zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Was heute galt, konnte morgen schon überholt sein. Die Politik hinkte dem Volkswillen ständig hinterher. Und der machte sich Luft, vor allem auf der Straße.

Diese schnelllebige Zeit nutzten nun auch die 196 DDR-Sparkassen. Für sie war der Fall der Mauer ein ungeahnter Glücksfall. Endlich gab es die Chance, sich von der Staatsbank zu lösen, wieder Eigenständigkeit zu erlangen in Anknüpfung an historische Strukturen. Welche Klippen es für die ostdeutschen Sparkassen zu umschiffen galt, bis ruhigeres Fahrwasser erreicht war, davon wollen wir in einer neuen Blogserie erzählen.

Herangezogen werden dafür Akten aus unserem umfangreichen Archivbestand, Zeitzeugengespäche, Studien und Forschungsbeiträge, Zeitungsartikel, Festschriften sowie Jahresberichte. Spannende Themen, an denen wir die Entwicklungsetappen festmachen können, stellen wir Ihnen in chronologischer Reihenfolge vor. So erleben Sie fast auf den Tag genau, was vor 30 Jahren erdacht, besprochen oder angepackt wurde. Seien es die ersten Treffen zwischen Ost und West, neue Produkte, flächendeckende Schulungsprogramme oder sei es die Einführung der D-Mark, die Idee eines „gemischten Doppels“ für jedes Haus oder die EDV-Umstellung – eine Vielzahl an Herausforderungen wird Ihnen begegnen, die in relativ kurzer Zeit zu bewältigen waren.

Ein ganz besonderer, noch heute beeindruckender Gestaltungswille trieb die Beschäftigten der ostdeutschen Sparkassen an, sich gemeinsam auf den Weg in eine neue Zeit zu machen. Man spürt beim Lesen der alten Unterlagen förmlich die enorme Kraftanstrengung, derer es bedurfte, um eine erfolgreiche Zukunft in einem vollkommen anderen, für die Akteure fremden System zu gestalten. Es lohnt sich also, sich auf eine Reise in die Vergangenheit zu begeben und diese aufregende Umbruchzeit in vertiefenden Beiträgen aufzuarbeiten – nicht zuletzt, da auch Studien nachwiesen, dass die DDR-Sparkassen zu den „wenigen Beispielen von wirklicher Umstrukturierung“ und damit „eindeutig zu den Gewinnern der Wiedervereinigung“ gehören.*

Fortsetzung folgt am 10.11.2019

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*Sparkassen im Wandel – wie Phönix aus der Asche. Teilstudie, ca. 1998 [unvollständige Fassung], Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA-Günther 6b/2004.