• Mit dem Beschluss der Hauptversammlung endete ein mehrmonatiger Entscheidungsprozess in der bundesdeutschen Sparkassenorganisation. Ein Jahr später war er jedoch hinfällig. : © Historisches Archiv des OSV

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(k)eine einheitliche Zentralbank der ostdeutschen Sparkassen

Blogserie, Teil 36

Wozu brauchten die DDR-Sparkassen eine Zentralbank? Nun, den Sparkassen als regional tätigen Universalkreditinstituten war es aufgrund ihrer Größe vor 30 Jahren nicht möglich, der Kundschaft alle Bankprodukte und Serviceleistungen selbst zu konkurrenzfähigen Bedingungen anzubieten. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, war eine Delegierung bestimmter Leistungen und Aufgaben innerhalb des Verbundsystems auf ein überregionales Zentralinstitut notwendig.* Der Sparkassenverband der DDR wollte unbedingt eine einheitliche Zentralbank für alle Mitglieder. Bei seiner ersten Sitzung am 17. April 1990 beschloss der Vorläufige Verbandsrat gemäß Verbandssatzung die Gründung eines Spitzeninstituts der DDR-Sparkassen als ihre Gemeinschaftseinrichtung.**

Man bat den Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) um Unterstützung bei dem Vorhaben. Der Präsidialausschuss und die Verbandsvorsteherkonferenz des DSGV sprachen sich dafür aus, dass der Deutschen Girozentrale – Deutschen Kommunalbank (DGZ) diese Rolle zukommen sollte. Die zentralbankmäßige Betreuung von Sparkassen gehörte aber damals nicht zu ihrem Aufgabenspektrum als Institut auf Bundesebene. Der Verwaltungsrat der DGZ beschloss, dass man zunächst die Liquiditätshalterfunktion und stufenweise weitere Aufgaben übernehmen werde. Das Angebot nahm der Verbandsrat am 14. Juni an. Ihm war klar, dass die Betreuung am Anfang nicht umfassend sein konnte. Daher wurde der vorübergehenden Hilfe durch die westdeutschen Partnersparkassen und deren Landesbanken/Girozentralen zugestimmt.*** Dabei sollte es aber ein einheitliches Vorgehen geben.

„Alle Verbandsmitglieder waren sich darin einig, dass die Sparkassenorganisation der DDR den Wettbewerb mit den westdeutschen Bankkonzernen nur dann erfolgreich meistern kann, wenn sie geschlossen und einheitlich auftritt und nicht ihre Kräfte zersplittert. Aus diesem Grund sind Teillösungen, die nur einzelnen Sparkassen Vorteile verschaffen, abzulehnen. Die Verbandsmitglieder äußerten ihr Befremden darüber, daß auch Verbundeinrichtungen der westdeutschen Sparkassenorganisation versuchen, dieses einheitliche Vorgehen zu stören und einzelne Sparkassen bzw. einzelne Gebiete aus den beschlossenen Konzepten herauszulösen. Das betrifft insbesondere die Datenverarbeitung sowie die Spitzeninstitutslösung. Diese Meinungen werden übereinstimmend vertreten. Unter diesem Aspekt wurde dem vorliegenden Beschluß zur Übertragung der Aufgaben des Spitzeninstituts auf die DGZ einstimmig zugestimmt. Es kam die Erwartung zum Ausdruck, daß die westdeutsche Sparkassenorganisation schnellstmöglich Maßnahmen einleitet und keinen weiteren Zeitverlust zuläßt, um die einheitlich angestrebte Lösung durchsetzen zu helfen. Eine Zersplitterung unserer Kräfte wird sich aus Sicht der Verbandsratsmitglieder auch nachteilig auf die Wettbewerbsinitiativen der gesamten Sparkassenorganisation in Ost und West auswirken.“ ****

Am Vortag hatten sich die Leiter der westdeutschen Girozentralen dafür ausgesprochen, keine einheitliche Sparkassenzentralbank in der DDR aufzubauen, sondern deren Funktionen analog dem regionalen Betreuungskonzept des DSGV selbst auszuüben. Die außerordentliche Hauptversammlung der Deutschen Girozentrale stimmte jedoch am 18. Juni 1990 einer Vorlage des Hessischen Sparkassenverbandes zu. Demnach sollte die DGZ zunächst ab 2. Juli die Liquiditätshalterfunktion und mittelfristig sämtliche Zentralbankfunktionen, wie sie eine westdeutsche Landesbank/Girozentrale für die Sparkassen ihres Zuständigkeitsgebiets wahrnahm, übernehmen. Dazu gehörte auch die Geschäftsbankfunktion im arbeitsteiligen Verbund mit den Sparkassen. Die Gesellschafter der DGZ, also auch die Landesbanken/Girozentralen, verpflichteten sich, „keine auf Dauer angelegten, diesen Beschluß berührenden wettbewerblichen Aktivitäten auf dem Gebiet der heutigen DDR zu entwickeln“. *****

Mit der Entscheidung der Versammlung „wurde ein entscheidender Durchbruch in der Entwicklung einheitlicher Verbundstrukturen für die DDR-Sparkassen neben der LBS erzielt“, schrieb Verbandspräsident Rainer Voigt am 20. Juni.****** Gleichzeitig informierte er die Sparkassen über eine Absprache mit der Deutschen Bundesbank. Aus währungspolitischen Gründen sollten sie ihre flüssigen Mittel vorübergehend weiter, aber marktgemäß verzinst, bei der Staatsbank halten. Am Folgetag kündigte er eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit zwischen der DGZ und den ostdeutschen Sparkassen an. (Bild 1) Am 2. August stimmte der Vorläufige Verbandsrat dem finalen Entwurf für den Kooperationsvertrag zu, den die Sparkassen mit ihrer neuen Zentralbank abschließen konnten.******* In einem Rundschreiben empfahl der Vizepräsident des Verbandes, umgehend zu unterzeichnen und wies eindringlich darauf hin, dass nur die Einbindung aller Sparkassen kostengünstige Leistungen sichern könne. „Verbundeinrichtungen können immer nur dann für alle vorteilhaft arbeiten, wenn sie mit dem vollen Volumen aller Sparkassen arbeiten können.“ ********

Nach dem Ende des Gentlemen’s Agreement hinsichtlich der Einlagen der Sparkassen bei der Staatsbank nahm die Deutsche Girozentrale zum 8. Oktober 1990 die volle Liquiditätshalterfunktion wahr.********* 90 % der Tages- und die Termingelder wurden übergeleitet. Unter anderem konnten die Mitgliedssparkassen Wertpapiere erwerben, welche für sie im Depot A verwahrt und verwaltet wurden. (Bild 2) Einen weiteren Service stellte die Refinanzierung von Kommunalkrediten dar. Für die ERP-Kredite war die DGZ bereits zuständig. Am 30. November 1990 beschloss ihr Verwaltungsrat einen Stufenplan, der zur Jahresmitte 1992 die volle Angebotspalette vorsah. So begann sie zum Beispiel als zentrale Verrechnungsstelle im Zahlungsverkehr zu fungieren und vollzog den täglichen Kontenausgleich ostdeutscher Sparkassen. Zwar schlossen fast alle Mitgliedssparkassen Kooperationsverträge ab. Da jedoch einige der mit der Wiedervereinigung für das Sparkassenwesen zuständigen Bundesländer andere Pläne hatten, scheiterte das Projekt der einheitlichen Sparkassenzentralbank bereits 1991. Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt gingen getrennte Wege.*********

Fortsetzung am 25.06.2020

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* Vgl. Sparkassenverband der DDR: Informationspapier – Zentralbank für die ostdeutschen Sparkassen, Februar 1991; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA 82/2004

** Vgl. Sparkassenverband der DDR – Vorläufiger Verbandsrat: Beschluß Nr. 9/90 – Spitzeninstitut der Sparkassen der DDR, 17.04.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA 2/2017 1

*** Vgl. Sparkassenverband der DDR – Vorläufiger Verbandsrat: Beschluß Nr. 22/1990 – Zentralinstitut für die Sparkassen der DDR, 14.06.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA 2/2017 1

**** Sparkassenverband der DDR – Vorläufiger Verbandsrat: Protokoll der Beratung am 14.06.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA Pötzl 6/2004

***** Beschluß der a.o. Hauptversammlung der DGZ am 18.6.1990 (Abschrift); Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA 82/2004

****** Sparkassenverband der DDR – Der Präsident, an die Direktoren der Stadt- und Kreissparkassen und Bezirksgeschäftsstellen, betr. Anlage der freien Mittel, 20.06.1990, S. 3; Bestand: Historisches Archiv des OSV, Rundschreibenbestand

******* Vgl. Sparkassenverband der DDR – Vorläufiger Verbandsrat: Beschluß Nr. 29/90 – Vertrag über die Zusammenarbeit zwischen dem Sparkassenverband der DDR und der Deutschen Girozentrale – Deutschen Kommunalbank, 02.08.1990; Bestand: Historiches Archiv des OSV, HA Pötzl 6/2004

******** Sparkassenverband der DDR – Der Vizepräsident, an alle Direktoren der Stadt- und Kreissparkassen und Direktoren der Bezirksgeschäftsstellen, 07.08.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA 82/2004

********* Vgl. Sparkassenverband der DDR – Der Vizepräsident, Rundschreiben Nr. 9/1990, betr. Übernahme der Liquiditätshalterfunktion durch die Deutsche Girozentrale – Deutsche Kommunalbank – Berlin/Frankfurt, 18.09.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV – Rundschreibenbestand

********** Vgl. Geiger, Walter/ Günther, Hans-Georg: Neugestaltung des ostdeutschen Sparkassenwesens 1990 bis 1995, Stuttgart, 1998, S. 264 ff.

  • Mit Informationsblättern vom Deutschen Sparkassenverlag konnten sich die Kundinnen und Kunden über die neuen Vordrucke informieren. : © Historisches Archiv des OSV

Alles neu im Zahlungsverkehr – Teil 2

Blogserie, Teil 35.2

Ein wichtiger Schritt in Richtung eines einheitlichen Zahlungsverkehrs-systems beider deutscher Staaten war die Vergabe neuer Bankleitzahlen für die Kreditinstitute der DDR. Diese konnten ab April 1990 bei der Deutschen Bundesbank beantragt werden und galten ab dem Tag der Währungsunion.* Die insgesamt 8-stellige Nummer enthielt in den ersten drei Ziffern den Bankbezirk, in welchem das Geldinstitut seinen Sitz hatte, z. B. 140 für Rostock oder 850 für Dresden. An vierter Position stand die Institutsgruppe, z. B. 5 für Sparkassen. Die letzten vier Stellen waren mit den ersten Ziffern der alten DDR-Kontonummernsystematik identisch.

Des Weiteren wurden Anfang Juni 1990 in der Vereinbarung über die Abwicklung des Zahlungsverkehrs nach der Schaffung der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik zahlreiche Festlegungen getroffen, um die innerdeutschen Zahlungsströme trotz der gegensätzlichen Systeme für die Übergangszeit bis zum 31.12.1991 überhaupt ermöglichen zu können. Grundlage der Vereinbarung war eine schrittweise Anpassung der DDR-Institute an den West-Standard mit möglichst wenig Übergangsrecht, um doppelte Umstellung zu vermeiden.**

Die wichtigsten Regelungen sahen in Kürze so aus: Alle westdeutschen Kreditinstitute sowie die Sparkassen der DDR, welche im Laufe der Übergangszeit auf die neue EDV übergeleitet worden waren, verpflichteten sich, ihre beleghaft aufkommenden Zahlungen für die ESER-Kreditinstitute in Datensätze umzuwandeln.*** Beleglose Zahlungen ließen sich dagegen mittels bestimmter Umsetzungsprogramme weiterverrechnen. Da in den ESER-Datensätzen jedoch nicht alle Informationen abgebildet werden konnten, wie z. B. Auftraggeber, Empfängername und Verwendungszweck, mussten den Empfängerbanken zusätzlich Drucklisten zur Verfügung gestellt werden.

Die Abwicklung von Zahlungsströmen von Ost nach West bzw. vom ESER-System an Kreditinstitute westdeutschen Standards konnte hingegen nur mittels Belegen und Datensätzen westdeutscher Norm erfolgen. Das führte zu einem starken Ansteigen des beleghaften Zahlungsverkehrs, da weder die ESER-Dateien noch die ESER-Belege für eine Weiterverarbeitung nach West-Standard geeignet waren.

Man kann sich vielleicht vorstellen, dass hier der Teufel im Detail steckte. Bei der Umsetzung der Vereinbarungen in die Praxis standen die Sparkassen vor erheblichen Schwierigkeiten, nicht zuletzt deshalb, weil auf sie bislang etwa 65-70 % aller Buchungsposten im Banksystem der DDR entfielen.****

Die schiere Menge an Zahlungsvorgängen nach der Währungsunion, auch hervorgerufen durch den Auftragsaufschub aufgrund des zwischen dem 1. und 8. Juli 1990 ruhenden Zahlungsverkehrs, brachte die Sparkassen an ihre Grenzen. Dazu kamen die Umgewöhnung aller Beteiligten an neue Zahlungsverkehrsabläufe, fehlerhaftes Ausfüllen der neuen Vordrucke durch die Kunden und erhebliche Postlaufzeiten.

Der Unmut der Kundschaft, besonders bei Verzögerungen von Lohn-, Gehalts- und Rentenzahlungen, war sogar Gegenstand der Presseberichterstattung. Firmeninhaber riefen die Belegschaft auf, ihre Gehaltskonten von der Sparkasse abzuziehen. Das Versandhaus Quelle schrieb an den Präsidenten des Sparkassenverbandes der DDR wegen Ausbleibens beträchtlicher Zahlungen von bestellter Ware durch DDR-Bürger. Die Liste ließe sich leicht fortführen … ***** Selbst den damaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel erreichten Beschwerden.

Allein zwischen Juli und September 1990 waren 264 000 fehlerhafte Zahlungen aufgelaufen. Das entsprach einer Fehlerquote von 4,8 %. ****** Diese zu senken und die massenhaft ungeklärten Posten zu korrigieren, war das Anliegen zahlreicher Expertengespräche. Neben Personal-aufstockungen wurden weitere Maßnahmen ergriffen, wie z. B. das Einrichten eines eigenen Kurierdienstes für den schnellen Belegtransport oder die Integration der ostdeutschen Sparkassen in das Clearing-System, und damit in den Verbund der Datenfernübertragung der gesamten Sparkassenorganisation.

Nach und nach zeigten die Maßnahmen Wirkung. Im dritten Quartal 1991 gelang es, die langen Laufzeiten der Zahlungsvorgänge auf das bei deutschen Kreditinstituten übliche Maß zu verringern.*******

Fortsetzung am 21.06.2020

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* Die Zusammensetzung der zukünftigen Bankleitzahlen wurde zwischen der Staatsbank der DDR und der Deutschen Bundesbank vereinbart. Sie garantierte eine Konvertierung von alt in neu bzw. von neu in alt. Vgl. Schreiben des Sparkassenverbandes der DDR an die Direktoren der Bezirksgeschäftsstellen des Sparkassenverbandes der DDR vom 23.04.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV – Rundschreibenbestand

** Vgl. Schreiben des Sparkassenverbandes der DDR an die Direktoren der Bezirksgeschäftsstellen und die Direktoren der Sparkassen vom 15.06.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV – Rundschreibenbestand

*** Zur Erinnerung: Der Zahlungsverkehr in der DDR war seit 1972 zu 100 % beleglos. Ausgenommen von der Verpflichtung waren Eilüberweisungen der Bundesbank, Platzüberweisungen und Schecks.

**** Geiger, Walter/ Günther, Hans-Georg: Neugestaltung des ostdeutschen Sparkassenwesens 1990 bis 1995, Stuttgart, 1998, S. 223

***** Vgl. Schreiben des Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse Oranienburg an den Präsidenten des OSGV vom 2. Januar 1991 zum Stahlwerk Hennigsdorf sowie Schreiben des Großversandhaus Quelle an den Präsidenten des Sparkassenverbandes der DDR Rainer Voigt vom 6. August 1990 wegen nicht eingegangener Zahlungen, Bestand: Historisches Archiv des OSV, HAP-E 698, HAP-E 699

****** Vgl. Geiger, Walter/ Günther, Hans Georg: Neugestaltung des ostdeutschen Sparkassenwesens 1990 bis 1995, Stuttgart, 1998, S. 225

******* Jahresbericht 1990/1991. Hrsg. v. Ostdeutschen Sparkassen- und Giroverband, Berlin, 1992, S. 22

  • Der Vergleich zwischen deutschen Bundesstaaten zeigt: In Sachsen waren viele Sparkassen größerer und mittlerer Städte finanzstark genug, um Darlehen an Kunden aus Industrie und Handel zu geben. So standen beispielsweise 1906 Hypothekendarlehen im Umfang von etwa 1,24 Millionen Mark auf insgesamt 101.672 Posten aus.* : © Akte 1879-1934, Historisches Archiv des OSV

Industriefinanzierungen mit Hypothekendarlehen

Wie die Sparkassen früher die Wirtschaft förderten

Sparkassen wurden gegründet, um Menschen aus eher ärmeren Verhältnissen eine sichere und verzinsliche Geldanlagemöglichkeit zu bieten und dadurch viele von ihnen überhaupt erst zum Sparen zu animieren. Diese Feststellung ist unumstritten. Doch was machten die deutschen Sparkassen im Zeitalter der Industrialisierung mit dem eingenommenen Geld?

Die Antwort fällt je nach betrachteter Region und Epoche etwas unterschiedlich aus. Teilweise wurden Staatsanleihen und Pfandbriefe gekauft. Häufig gab man das Geld auch zur Finanzierung kommunaler Aufgaben und Projekte an öffentliche Kassen ab oder seltener auch zur Refinanzierung von Pfandleihhäusern. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war jedoch in praktisch allen deutschen Bundesstaaten die Vergabe von Hypothekendarlehen die dominierende Form der Kapitalanlage. Dies geht aus damals veröffentlichten Statistiken hervor.

Hypothekendarlehen werden üblicherweise als Mittel zur Wohnraumfinanzierung interpretiert. Denn wer heute seinen Traum vom Eigenheim verwirklicht, nutzt meist Darlehen mit hypothekarischer Besicherung beziehungsweise die moderne Variante einer Grundschuld auf die Immobilie. Es bestehen zwar vereinzelte Hinweise in der Literatur über den kommerziellen Einsatz von Hypothekendarlehen vor dem Ersten Weltkrieg, insbesondere von den Sparkassen in Düsseldorf und Saarbrücken. Doch diese Erkenntnis setzte sich in der Wissenschaft nicht durch. Dabei sah der Gesetzgeber nie Einschränkungen in der Verwendung vor.  Der Begriff Hypothekendarlehen beschreibt grundsätzlich nur die Form der Sicherheit, jedoch nicht die Nutzung.

Hieraus ergeben sich spannende Fragen: Wofür wurden die Darlehen damals wirklich verwendet und wer gehörte zu den Kreditkunden? Sie sind nicht nur aus dem Blickwinkel der Sparkassengeschichte interessant, sondern auch aus der Perspektive der allgemeinen Wirtschaftsgeschichte. In dem betrachteten Zeitraum entwickelte sich Deutschland nämlich zu einem modernen Industriestaat. Wer ein Unternehmen gründen wollte, brauchte meistens Kapital. Doch eine Finanzierung über Geschäftsbanken oder die Börse kam nur für die größeren Firmen infrage und vermutlich kaum für den gewerblichen Mittelstand. Schlossen Sparkassen diese Lücke?

Licht in dieses Dunkel zu bringen war das Ziel einer breit angelegten Untersuchung, die kürzlich in Buchform erschienen ist. Die Auswertung von mehr als 10.000 Darlehensfällen von elf Sparkassen aus dem ehemaligen Königreich Württemberg im Zeitraum 1846 bis 1913 brachte dabei Überraschendes zutage. Hypothekendarlehen dienten zwar durchaus zur Eigenheimfinanzierung. Doch dies betraf nur einen kleinen Teil des Kreditgeschäftes. Viel wichtiger war die Nutzung für landwirtschaftliche und gewerbliche Investitionen. Sogar kleine und mittelgroße Industriebetriebe von Eisengießereien über Werkzeugmaschinenhersteller und Möbelfabriken bis hin zu Brauereien nutzten Hypothekendarlehen.

Am häufigsten kamen größere gewerbliche Finanzierungen ab Mitte der 1890er Jahre vor, nachdem die Sparkassen über Jahrzehnte zu nicht unbedeutenden Geldhäusern herangewachsen waren. Die Möglichkeit zu umfassenden Darlehensvergaben hing nämlich in erster Linie von den Mittelrückflüssen aus dem bestehenden Kreditgeschäft ab, also den Zinszahlungen und Tilgungen. Auch der Zuwachs der Spareinlagen spielte eine Rolle. Für die Finanzierung von richtig großen Unternehmen war die Finanzkraft der untersuchten Sparkassen aber nicht ausreichend. Und manches kleine Institut vergab vor dem Ersten Weltkrieg überhaupt keine Darlehen an Firmen.

Doch allgemein dürften die Sparkassen für die mittelständische Wirtschaft, das Handwerk, den Einzelhandel und die Landwirtschaft schon damals wichtige Finanzierungspartner gewesen sein. Sie nutzten sogar Notenbankkredite zur Kapitalbeschaffung, um in Krisenzeiten einer Kreditklemme vorzubeugen.

Natürlich können die Erkenntnisse über das Kreditgeschäft im kleinen Württemberg nicht für ganz Deutschland verallgemeinert werden. Doch die Untersuchungen zeigen, wie durch eine strukturierte Herangehensweise die Kreditpolitik der Sparkassen sichtbar gemacht werden kann, und wie sich durch geeignete Vergleiche auch dort Erkenntnisse über das Darlehensgeschäft erzielen lassen, wo das Quellenmaterial in den Archiven an sich wenig aussagekräftig ist.

Für nähere Einsichten über andere Regionen sind weitere Forschungen erforderlich, zum Beispiel auch im Rahmen von Festschriften, Chroniken oder Fallstudien. Dem Kreditgeschäft der Sparkassen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, lohnt sich in jedem Fall.

Thorsten Proettel

Autor des Buches: Die Stellung der Sparkassen im Markt für gewerbliche Finanzierungen. Untersuchungen über das Kreditgeschäft der Sparkassen während der Industrialisierung. Jan Thorbecke Verlag, 2020. 435 S.

*Angaben aus dem o. g. Werk, Kapitel 13: Die Sparkassen in den größeren deutschen Bundesstaaten, Königreich Sachsen, S. 354.

  • neue Vordrucke im Zahlungsverkehr

    Ab Juli 1990 mussten sich die Sparkassenkunden und auch die Sparkassenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter an zahlreiche neue Vordrucke im Zahlungsverkehr gewöhnen. : © Historisches Archiv des Ostdeutschen Sparkassenverbandes

  • In der Anlage (Auszug) der Vereinbarung über die Abwicklung des Zahlungsverkehrs nach der Währungsunion werden insegsamt 20 einzelne Regelungen aufgeführt. : © Historisches Archiv des OSV

Alles neu im Zahlungsverkehr – Teil 1

Blogserie, Teil 35.1

Die Unterschiede zwischen den Zahlungsverkehrssystemen beider deutscher Staaten hätten vermutlich nicht größer sein können. Sowohl in technisch-organisatorischer als auch in rechtlicher Hinsicht trafen hier zwei Welten aufeinander.

In der DDR wurde der Zahlungsverkehr aller Banken mit einem einzigen EDV-System namens ESER* abgewickelt. Dafür gab es in jeder Bezirkshauptstadt gemeinsame EDV-Stationen mit einheitlichen Buchungs- und Verrechnungsprogrammen. Die Verrechnung zwischen den Instituten erfolgte einzig und allein durch die Staatsbank, bei der jedes Kreditinstitut ein Konto zu führen hatte. Eine weitere Besonderheit war das Kontonummernsystem, das ebenfalls für alle Banken galt. Die sieben- bis maximal zwölfstellige Zahlenreihe vereinte Kontonummer, Bankleitzahl und Art des geführten Kontos in sich.

Täglich waren in der DDR insgesamt etwa 4 Millionen Verrechnungsposten zu bewältigen, welche seit Anfang der 1970er Jahre zu 100% beleglos vollzogen wurden.** Jeder vom Kunden papierhaft eingereichte Scheck oder Überweisungsträger wurde vor Ort bei der Sparkasse sofort in einen Datensatz umgewandelt, per Fernschreiber an die zuständige EDV-Station weitergeleitet und dort verarbeitet.

Im Binnensystem der DDR funktionierte der zentral gesteuerte und effiziente bargeldlose Zahlungsverkehr ausgezeichnet. Demgegenüber stand die geradezu schillernde Vielfalt des Zahlungssystems der Bundesrepublik.*** Es gab allein sieben verschiedene Gironetze mit ihren jeweiligen Clearingstellen, also Verrechnungsstellen gegenseitiger Forderungen. Selbst in der in sich geschlossenen Sparkassenorganisation konnte von einer einheitlichen Datenverarbeitung keine Rede sein. Sämtliche Technik und Verfahren der Zahlungsverkehrsabwicklung mussten durch ausgehandelte Abkommen, Vereinbarungen, Richtlinien o. ä. geregelt werden.****

Ein weiterer großer Unterschied war die automatische Belegbearbeitung bei den westdeutschen Instituten. Im Gegensatz zur vollständigen Beleglosigkeit im ESER-System der DDR wurden hier automationsfähige Zahlungsverkehrsbelege für Lastschriften, Überweisungen und Schecks maschinell erfasst; ermöglicht durch einen einheitlichen Codierzeilenaufbau und eine einheitliche Maschinenschrift. Die Belege leitete man dann bis zum Empfängerinstitut durch.

Allen Fachleuten war schon frühzeitig klar, daß sich mit der Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 neue Zahlungsströme entwickeln würden und daß das bisherige Zahlungsverkehrssystem sich den bundesdeutschen Gegebenheiten anzupassen hatte.*****

Denn das Zahlungsverkehrssystem der DDR ließ sich nicht mit den Anforderungen der Marktwirtschaft vereinbaren. Durch seine Beschränkungen behinderte es den Wettbewerb und den Aufbau eines vielfältigen, individuellen Dienstleistungsangebotes der einzelnen Kreditinstitute.

Im Vorfeld der Währungsunion wurden die Fragen des Zahlungsverkehrs in den Ausschüssen des Zentralen Kreditausschusses (ZKA) und in den Gremien der Spitzenverbände des Kreditgewerbes – West und Ost – diskutiert. Am 12. Juni 1990 unterzeichnete dann der Präsident des Sparkassenverbandes der DDR, Rainer Voigt, die Vereinbarung über die Abwicklung des Zahlungsverkehrs nach der Schaffung der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Diese Vereinbarung wurde ab dem 1. Juli 1990 wirksam und regelte für eine Übergangszeit bis zum 31. Dezember 1991 die rechtlichen und organisatorischen Belange der innerdeutschen Zahlungsverkehrsvorgänge. Neben einer Präambel, Grundsätzen und Einzelregelungen ist im Anhang eine Auflistung von 20 verschiedenen den Zahlungsverkehr betreffenden Vereinbarungen, Abkommen, Richtlinien und Absprachen enthalten.******

Fortsetzung am 16.06.2020

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* ESER = einheitliches System elektronischer Rechentechnik

** Vgl. Geiger, Walter/ Günther, Hans Georg: Neugestaltung des ostdeutschen Sparkassenwesens 1990 bis 1995, Stuttgart, 1998, S. 218

*** Hergersberg, Johannes: Bargeldloser Zahlungsverkehr mit der DDR. In: Sparkasse, Nr. 7/90, S. 300

**** Vgl. ebd.

***** Geiger, Walter/ Günther, Hans Georg: Neugestaltung des ostdeutschen Sparkassenwesens 1990 bis 1995, Stuttgart, 1998, S. 220

****** Vgl. Schreiben des Sparkassenverbandes der DDR an die Direktoren der Bezirksgeschäftsstellen und die Direktoren der Sparkassen vom 15.06.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV – Rundschreibenbestand

  • Blick aus der trockenen Sparkassenfiliale auf den pitschnassen Alexanderplatz; Bestand: Historisches Archiv des OSV

Dixie, Durst und Deutsche Mark

Blogserie, Teil 34

So lautete der Titel einer Veranstaltung des Deutschen Fernsehfunks, welche am Sonntag, den 10. Juni 1990, vor der Hauptstelle der Sparkasse der Stadt Berlin stattfand. Einen Tag bevor die DDR-Bürger ihre Umstellungsanträge abgeben konnten, sollte hier nicht nur über die Formalitäten der Währungsumstellung informiert werden. Live-Musik war angesagt und ein traditionelles Berliner Speisen- und Getränkeangebot geplant. Mit Informationsständen waren an dem Tag die Deutsche Bank, die Post und die staatliche Versicherung, die Sparkassen und die LBS vertreten. Die Volksbank hatte den Termin abgesagt. Lag es an den Wetteraussichten?

Mit der vom Deutschen Sparkassenverlag (DSV) bereitgestellten Dekoration dominierte die Sparkassenorganisation den Platz optisch.* Eine KNAX-Hüpfburg stand bereit. Zahlreiche Sonnenschirme und Banner waren aufgestellt, Wasserbälle aufgeblasen. Auch im Hintergrund strahlte das typische Sparkassenrot. Die Hauptstelle der Ostberliner Sparkasse war bereits mit den neuen Imagesymbolen versehen. Zigtausend Flug- und Faltblätter sowie Prospekte lieferte der DSV. Für die Kleinen gab es 10.000 KNAX-Hefte. Als Werbegeschenke bekamen Kinder auch Baseballmützen, Erwachsene Poloshirts oder Jogginganzüge.** In weit größerer Zahl waren Plastik-Tragetaschen, Kugelschreiber und andere Kleinigkeiten verfügbar.

Im Gebäude hatte die Sparkasse einen telefonischen Beratungsdienst für Anfragen zur Währungsunion eingerichtet. Persönlich kamen trotz des Dauerregens immerhin rund 40.000 Menschen zum Alexanderplatz. Sie holten sich Tipps zur Währungsumstellung und ließen sich das neue Angebot der DDR-Sparkassen, das diese auch mit Unterstützung ihrer westdeutschen Partnersparkassen realisieren konnten, vorstellen. Auch direkt vor Ort gab es eine Zusammenarbeit zwischen Ost und West. So waren etwa Frank Axel, damals Verbandsdirektor der Abteilung Passivgeschäft, Zahlungsverkehr, Wertpapiere beim Sparkassenverband der DDR, und Hans E. Giese, Referatsleiter in der Abteilung Grundsatzfragen beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband, für den Infostand zum Thema Sparkassenbuch und Girokonto zuständig.***

Das Wetter war vor 30 Jahren übrigens so schlecht, das selbst die Treptower Festtage abgesagt werden mussten. Die Sparkässler blieben jedoch standhaft.**** Interessanterweise führte gerade der Regen zu großer öffentlicher Aufmerksamkeit. Es folgten auch deswegen vergleichsweise hohe Einschaltquoten, die eine Werbesendung normalerweise nicht erreichte.***** Der DFF berichtete vom Morgen bis zum Abend insgesamt sechsmal live, sodass 105 Minuten Sendezeit zusammenkamen. Unter anderem wurden Interviews mit den Spitzenvertretern des DDR-Sparkassenverbandes und des DSGV ausgestrahlt. Es war ein erfolgreicher Tag. Die Deutsche Sparkassenzeitung resümierte am 15. Juni auf Seite 4:

„Insgesamt konnte sich die deutsche Sparkassenorganisation den DDR-Bürgern hervorragend präsentieren. Dank der engen Zusammenarbeit zwischen dem sehr rührigen DDR-Sparkassenverband, dem Deutschen Sparkassenverlag, der LBS Münster, den Sparkassen in West- und Ostberlin sowie dem DSGV gelang es deutlich zu machen, daß die Sparkassen der DDR in enger Partnerschaft mit Unterstützung ihrer bundesdeutschen Kollegen für ihre Kunden kompetente Partner in allen Geldangelegenheiten sein werden.“

Fortsetzung am 11.06.2020

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* Weil man davon ausging, dass mit diesem Event eine hohe Öffentlichkeitswirksamkeit in der ganzen DDR erzielbar war, wurden rechtzeitig Vorbereitungen zur Selbstdarstellung der Sparkassenorganisation getroffen. Vgl. Schreiben Sparkassenverband der DDR – Verbandsdirektor der Abteilung Werbung, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit Kurt Löffler an den Deutschen Sparkassen- und Giroverband e.V. – Geschäftsführer Hans-Michael Heitmüller, 31.05.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA 102 1/1999

** Vgl. Aufstellung der Werbemittel für die Veranstaltung Dixie, Durst und Deutsche Mark, Anlage 1 zum Vermerk des zuständigen Organisators beim DSGV, Herr Baumgartl, 06.06.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA 102 1/1999

*** Vgl. Vermerk des zuständigen Organisators beim DSGV, Herr Baumgartl, 06.06.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA 102 1/1999

**** Vgl. Bis auf die DM fiel so ziemlich alles ins Wasser, in: Berliner Zeitung, Nr. 133, 11.06.1990, S. 1

***** Vgl. Schreiben Sparkassenverband der DDR – Verbandsdirektor Kurt Löffler an den Deutschen Sparkassenverlag GmbH, Herrn Lorenz, 09.07.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA 102 1/1999

  • Kreishaus des Kreises Teltow und Geschäftshaus der Kreissparkasse Teltow in Berlin-Tiergarten, Viktoriastraße 17-18, 1908; Bestand: Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

  • Kassenhalle mit Lichthof in der Zentrale der Kreissparkasse Teltow in Berlin-Tiergarten, Viktoriastraße 17, 1908; Bestand: Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

  • Geschäftsraum in der Zentrale der Kreissparkasse Teltow in Berlin-Tiergarten, Viktoriastraße 17, 1908; Bestand: Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

  • Sparbuch der Kreissparkasse Teltow mit Zweigstellenverzeichnis, 1925; Bestand: Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

  • Sparbuch der Kreissparkasse Niederbarnim mit Zweigstellenverzeichnis, 1937; Bestand: Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

  • Kundeninformation zum Umzug der Hauptstelle der Kreissparkasse Teltow in die Potsdamer Straße 49, 1939; Bestand: Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

  • Kundeninformation zum Umzug der Hauptstelle der Kreissparkasse Teltow in die Potsdamer Straße 49, 1939; Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

Drei Sparkassen auf Berliner Stadtgebiet

Anfang des 20. Jahrhunderts bestand Berlin im Wesentlichen aus den Stadtteilen Mitte, Tiergarten und Wedding sowie aus einigen Gebieten von Schöneberg und Tempelhof. Umgeben war die Hauptstadt im Norden vom Landkreis Niederbarnim und im Süden vom Landkreis Teltow. Beide Landkreise profitierten bis zum Ersten Weltkrieg von dem schnellen wirtschaftlichen Aufschwung und dem damit verbundenen Bevölkerungsanstiegs Berlins. So wuchsen die an die Hauptstadt angrenzenden beschaulichen Dörfer und Ortschaften zu bevölkerungsreichen Vorstädten heran.

Mit der Bildung Groß-Berlins 1920 wurden in die bisherige Stadtgemeinde Berlin 7 Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke aus den umliegenden Kreisen Niederbarnim, Osthavelland und Teltow eingemeindet. Dabei fusionierten 14 Sparkassen der Vorortgemeinden mit der Sparkasse der Stadt Berlin.

Unangetastet blieb bei dieser Verwaltungsreform der Besitzstand der Sparkassen der Kreise Teltow und Niederbarnim in den nach Berlin eingemeindeten Gebieten. Als eigenständige Sparkassen hielten sie ihren Geschäftsbetrieb auf Berliner Stadtgebiet bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 aufrecht.

Bereits im Kaiserreich hatten beide Kreissparkassen ihren Hauptsitz nach Berlin zu den jeweiligen Kreishäusern, in denen sich die Landratsämter befanden, verlegt. Die Kreissparkasse Teltow war bereits seit 1872 mit der Hauptkasse in Berlin vertreten. Die Ursache dafür waren Missstände im Unternehmen, die dazu führten, dass der Kreiskassenrendant zusätzlich auch zum Rendanten der Kreissparkasse gewählt wurde. Diese Personalunion bedingte die Verlegung ihres Sitzes ins damalige Kreishaus in der Berliner Körnerstraße. Im Jahre 1906 zog die Hauptkasse in ein neuerbautes Geschäftshaus, das sich direkt neben dem Teltower Kreishaus in der Viktoriastraße 17 in Berlin-Tiergarten am Potsdamer Bahnhof befand. Nach der Bildung von Groß-Berlin unterhielt sie neben der Hauptkasse zehn Nebenkassen auf dem Berliner Stadtgebiet, jeweils eine in Friedenau, Köpenick, Mariendorf, Südende, Tempelhof und Zehlendorf sowie jeweils zwei in Lichterfelde und Steglitz. Hinzu kamen zahlreiche Nebenstellen, die von Kaufleuten betreut wurden. 1939 zog die Sparkassenzentrale in die nahegelegene Potsdamer Straße 49 um.

Auch die Kreissparkasse Niederbarnim hatte ihre Hauptstelle in der Hauptstadt, die sich in Berlin-Mitte im Niederbarnimer Kreishaus am Friedrich-Karl-Ufer 5 in der Nähe des Lehrter Bahnhofs befand. Bis zum Kriegsende 1945 waren neben der Hauptstelle insgesamt drei Zweigstellen in Karlshorst, Oberschöneweide und Tegel sowie 13 hauptsächlich von Einzelhändlern betriebene Nebenstellen in Berlin vorhanden.

Auf Befehl des sowjetischen Stadtkommandanten ordnete der Berliner Magistrat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der sogenannten Ruhens-Anweisung vom 5. Juni 1945 die Schließung aller Banken in Berlin an. Auch die Kreissparkassen Teltow und Niederbarnim blieben geschlossen. Nur die Sparkasse der Stadt Berlin als einziges Berliner Kreditinstitut war von der Ruhens-Anweisung nicht betroffen.

In der sowjetischen Besatzungszone wurden als Nachfolgeinstitute neue Kreissparkassen gegründet. Die neue Kreissparkasse Niederbarnim hatte ihren Sitz in Bernau und die neue Kreissparkasse Teltow in Mahlow.

Nach einer Anweisung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) vom März 1946 sollten die Forderungen aus den ausgeliehenen Hypotheken, Darlehen und Kontokorrentkrediten der geschlossenen Sparkassen von den neuen Kreissparkassen weiter eingezogen werden. Im Januar 1947 entschied die SMAD, dass die neuen Kreissparkassen für den Forderungseinzug hinsichtlich der ruhenden Kreissparkassen Niederbarnim und Teltow, deren Hauptsitz und Verwaltung auf Berliner Stadtgebiet lagen, nicht mehr zuständig waren.

Im April 1947 wurde die Inkasso-Kommission für die von den in Berlin geschlossenen Banken gewährten Darlehen und Hypotheken errichtet, an die nunmehr auf Anordnung der Alliierten Kommandantur Zins- und Tilgungszahlungen auf Hypotheken und Darlehen zu leisten waren. Im Juni 1949 wurde durch Beschluss der Alliierten Kommandantur die Inkasso-Kommission aufgelöst und der Ausschuss für die ruhenden Berliner Kreditinstitute gegründet. Dieser Ausschuss ermächtigte im August 1949 die ruhenden Berliner Kreditinstitute, ihre Außenstände einschließlich der Hypotheken selbst einzuziehen. Im Januar 1950 übertrug dieser Ausschuss die Verwaltung der geschlossenen Kreissparkassen Teltow und Niederbarnim unter Wahrung der Eigenständigkeit dieser Institute der Sparkasse der Stadt Berlin West.

Aufgrund des kriegsbedingten Verlustes vieler Geschäfts- und Kontounterlagen brachte diese Aufgabe für die West-Berliner Sparkasse erhebliche Herausforderungen mit sich. Die Berliner Zentrale der ruhenden Kreissparkasse Niederbarnim hatte massive Kriegsschäden erlitten und war nicht mehr nutzbar. Nur der Tresor im Gebäude blieb erhalten, der im Oktober 1945 geöffnet wurde. Die darin vorgefundenen Hypothekenbriefe sowie Buchungs- und Kontenunterlagen wurden nach Bernau gebracht und von der neugegründeten Kreissparkasse Niederbarnim übernommen. Um Forderungen von Schuldnern in West-Berlin einziehen zu können, fuhren immer wieder ehemalige Mitarbeiter der ruhenden Kreissparkasse Niederbarnim, die jetzt bei der West-Berliner Sparkasse tätig waren, nach Bernau, um dort benötigte Kontoinformationen zu erhalten.

Die Zentrale der ruhenden Kreissparkasse Teltow war nach Kriegsende geplündert und in Brand gesetzt worden. Die noch vorhandenen Kontounterlagen, darunter die vollständig vorhandenen Unterlagen zu den Hypothekenkonten, kamen nach Mahlow. Das für die ruhende Kreissparkasse tätige Personal wurde im Juni 1947 nach Berlin versetzt und nahm bereits einen großen Teil der benötigen Kontounterlagen mit. Weitere Geschäftsunterlagen wurden 1948 nach Berlin zurückgebracht.

Damit ging in der Nachkriegszeit eine besondere Episode der Berliner Sparkassengeschichte zu Ende: die jahrzehntelange Tätigkeit von drei eigenständigen Sparkassen auf dem Berliner Stadtgebiet.

Klaus-Dieter Marten
Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

Quellen:

  • Bericht zur Altbankenrechnung der Sparkasse des Kreises Niederbarnim (Altsparkasse in Berlin) auf den 1. Januar 1953 (Buchungsstand 31.12.1963), erstellt vom Vorstand der Sparkasse der Stadt Berlin West
  • Bericht zur Altbankenrechnung der Sparkasse des Kreises Teltow (Altsparkasse in Berlin) auf den 1. Januar 1953 (Buchungsstand 31.12.1961), erstellt vom Vorstand der Sparkasse der Stadt Berlin West
  • Boelcke, Willi A.: Die Sparkasseninstitute in der preußischen Provinz Brandenburg bis 1945, in: Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe e. V. Bonn (Hg.): Regionalgeschichte der Sparkassen-Finanzgruppe, Band 1. Stuttgart 2006
  • Petersilie, Erich: Die Sparkasse des Kreises Teltow von 1858 bis 1908, Berlin 1908
  • Satzung für die Sparkasse des Kreises Teltow vom 18. Dezember 1909
  • Satzung für die Sparkasse des Kreises Teltow vom 20. September 1932