• © Historisches Archiv des Ostdeutschen Sparkassenverbandes | Bild Helmut Geiger, 1980er Jahre, Quelle: Sparkassenhistorisches Dokumentationszentrum Bonn

Die Mühen der Ebenen beginnen mit verlässlichen Partnern an der Seite

Blogserie, Teil 43

1990. In regelmäßigen Abständen wendet sich der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes persönlich an die Leiter der Sparkassen in der DDR. Was Helmut Geiger seit einem guten halben Jahr seinen ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen mitteilt, hat Gewicht. Hilfsangebote, aufmunternde, aber auch mahnende Worte werden aufmerksam gelesen und zur Kenntnis genommen. Durch den engen Austausch mit dem Sparkassenverband der DDR weiß Geiger, welche Probleme in der jeweils aktuellen Situation gerade gelöst werden müssen.

Seit der ersten Kontaktaufnahme mit den Direktorinnen und Direktoren der DDR-Sparkassen, am 5. Januar 1990, hat sich in dem Land, das bald Geschichte sein wird, in kürzester Zeit fast alles verändert. Und auch die ostdeutsche Sparkassenorganisation hat sich im Eiltempo weiterentwickelt. Mit Unterstützung der westdeutschen Sparkassenfamilie gelang nicht nur die Abkopplung von der Staatsbank, sondern auch die Gründung eines eigenen Verbandes. Außerdem wurde ein Sparkassengesetz verabschiedet, das den Weg in die Marktwirtschaft ermöglicht, und mit der Währungsunion ein riesiger Berg Arbeit gewuppt. Alles in allem eine Halbjahresbilanz, die sich sehen lassen kann.

Geiger schreibt am 20. Juli 1990 anerkennend: „Wir waren sehr beeindruckt, mit welcher Ausdauer Ihre Mitarbeiter den starken Kundenandrang trotz der monatelangen Überbeanspruchung bewältigen.“ Er bekräftigt die westdeutsche Unterstützung bei der „gewaltigen Aufgabe der Umstellung auf einen marktwirtschaftlichen Bankenwettbewerb mit einer neuen Währung.“ Leider müsse man nun aber auch damit rechnen, „daß alle westdeutschen Banken ihre Marktanstrengungen noch weiter verstärken und dabei gezielt die derzeitige Überlastung der Sparkassen ausnutzen werden.“*

Bereits am 12. Juni bereitet Geiger in seinem Brief die Leiter der DDR-Sparkassen auf den harten Konkurrenzkampf mit den „großen westdeutschen Bankkonzernen“ vor. Diesem könne man nur gemeinsam begegnen. Daher mahnt er zur Geschlossenheit und Solidarität, rät von Alleingängen ab: „Zersplittern Sie sich, werden schon auf mittlere Sicht die konkurrierenden Banken die Gewinner sein.“ In diesem Zusammenhang verdeutlicht Geiger den Kollegen in der DDR, dass die westdeutschen Partnerinstitute „hohe Kosten und Personalbelastungen auf sich nehmen, ohne selbst wirtschaftliche Vorteile erwarten zu können.“**

Um die im Schreiben angesprochenen Hilfsleistungen längerfristig sicherzustellen und auf diese Weise zu EINER Sparkassenorganisation zusammenzuwachsen, beschließt die Außerordentliche Mitgliederversammlung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes am 18. Juni 1990 in Frankfurt für die Haushaltsjahre 1990 und 1991 jeweils eine Sonderumlage in Höhe zweistelliger Millionenbeträge. Aus diesen Mitteln sollen nach der Währungsunion u. a. bis zu fünf fachlich versierte Mitarbeiter bundesdeutscher Sparkassen im Rahmen des „Personalentsendungsprogramms“ für jede der 196 DDR-Sparkassen finanziert werden.***

So ist die westdeutsche Unterstützung materiell abgesichert, um die Übergangszeit in die Marktwirtschaft gemeinsam anzugehen. Anknüpfend an diesen, für die Organisation historisch bedeutsamen, einstimmig gefassten Beschluss, kann Geiger am 20. Juni abermals auf das inzwischen bewährte Modell der Partnersparkassen verweisen. Er spricht fünf Punkte an, deren Ausgestaltung geschäftspolitisch relevant ist:

1.      Umgang mit Privatkunden

Die Sparkassen sollten hier rasch die neuen Anlagemöglichkeiten kommunizieren und konkrete Angebote unterbreiten – und zwar vor dem Abwerben durch westdeutsche Banken.****

2.       Betreuung der Firmenkunden

Im Mittelpunkt stehen die Kreditvergabe in der „schwierigen wirtschaftlichen Übergangsphase“ und die bessere Betreuung. Es könne nicht sein, so Geiger bereits am 12. Juni, „daß insbesondere Gewerbetreibende verärgert sind“, weil sie sich täglich zur Abwicklung ihres Geldverkehrs in langen Schlangen wiederfinden. Die Rentabilität der Sparkasse, so Geiger weiter, könne man nach dem 1. Juli nur sichern, „wenn Gewerbetreibende und die Sparer mit den größeren Einlagen in ausreichender Zahl gehalten werden können.“

3.      Maßnahmen der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit

Ziel ist die Wahrnehmung der Sparkassen als leistungsfähige und heimatverbundene Universalkreditinstitute durch eine veränderte optische Präsenz. DDR-spezifisches Informationsmaterial sollte bei Bedarf erarbeitet werden.

4.      Analyse der räumlichen Situation

Im Vordergrund steht für Geiger die verbesserte Platzsituation, um Kunden optimal beraten zu können. Auch sei es wichtig, sich enger mit den Kommunalverwaltungen abzustimmen. Denn es sei nicht hinnehmbar, „daß die interessanten Plätze von den DDR-Kommunen überwiegend westdeutschen Banken angeboten werden.“*****

5.      Neue Produktangebote

Wichtig sei nun, die Mitarbeiter so schnell wie möglich zu schulen. Das bedeutet, der Bedarf muss für das zweite Halbjahr 1990 ermittelt werden und eine enge Abstimmung mit den westdeutschen Sparkassenakademien erfolgen.******

Geiger ist sich sicher: „Die nächsten Monate werden darüber entscheiden, wie sich die Marktanteile im Finanzmarkt der DDR künftig verteilen werden.“ Daher appelliert er eindringlich: „Trotz Ihrer derzeitigen Überlastung [durch die Arbeiten mit der Währungsumstellung, d. A.] muß deshalb alles getan werden, um ein Abwandern Ihrer Kunden zu verhindern […] Gehen Sie deshalb auf Ihre Partnersparkassen zu und besprechen Sie mit ihnen die Maßnahmen, die notwendig sind, um die nächsten schwierigen Monate erfolgreich meistern zu können.“

Fortsetzung am 27.07.2020

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*Geiger, Helmut: Schreiben an die Direktorinnen und Direktoren der Sparkassen in der DDR, Bonn, 20.07.1990, Bestand: Historisches Archiv des OSV, Konvolut Horst-Dieter Hoffmann, D/13061/AUG.

**Geiger, Helmut: Schreiben an die Direktorinnen und Direktoren der Sparkassen in der DDR, Bonn, 12.06.1990, Bestand: Historisches Archiv des OSV, Konvolut Horst-Dieter Hoffmann, D/13061/AUG.

***Ergebnisniederschrift über die Außerordentliche Mitgliederversammlung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes am 18. Juni 1990 in Frankfurt. Bestand: Sparkassenhistorisches Dokumentationszentrum Bonn, DSGV-Archiv Sign I. B/11/18 | Großsparkassen, die Ost-Berlin, Dresden, Leipzig und Chemnitz betreuen, können bis zu 15 Mitarbeiter im Rahmen des Personalentsendungsprogramms zur Verfügung stellen.

****Dass sich DM-Geldanlagen 1990 lohnen, unterstreicht auch Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl in einem Zeitungsinterview: „Wir erleben zur Zeit in der Bundesrepublik Deutschland bei den Kapitalmarktzinsen einen historischen Hochstand. Auch der Sparer in der DDR kann diese hohen Zinsen nutzen […] Die zu wählende Form des Sparens richtet sich natürlich auch nach dem individuellen Zweck: Soll für ein Auto oder für ein Haus oder für eine zusätzliche Absicherung im Alter gespart werden? In jedem Fall lohnt es sich zu sparen.“ Quelle: Sparen lohnt sich. In: Neue Zeit. 46. Jg. 142. Ausg., 21.6.1990, S. 6.

*****Ein Besuchsbericht aus Meiningen in Thüringen verdeutlicht exemplarisch, wie prekär die räumliche Situation vieler Sparkassen ist: „Die Sparkasse ist z. Z. in dem historischen Gebäude der Staatsbank in einer ungünstigen geschäftlichen Lage mit ebenso ungünstiger Parksituation untergebracht. In dem großen Gebäude erreicht man die völlig unzureichenden Sparkassenräume nur über einen Flur, in dem vorgelagert z. Z. moderne Räume für die Deutsche Bank eingerichtet werden. In dem Gebäude befindet sich neben der Bundesbankfiliale ein weiteres Kreditinstitut.“ Bestand: Historisches Archiv des OSV, Großmann, Bernd: Besuchsbericht Sparkasse Meiningen, 25.7.1990, Akte HA-76/2004.

******Diese Themen spielten auch schon in den drei Tagen vor Geigers Schreiben, an denen sich die Leiter der DDR-Sparkassen zu einem Erfahrungsaustausch trafen, eine große Rolle. Eine Reihe von Sparkassen präsentierte zum Punkt drei sogar schon „prägnante Beispiele“. Der Sparkassenverband der DDR traf in Auswertung des Erfahrungsaustauschs umfangreiche Festlegungen, um die Sparkassen optimal beraten und unterstützen zu können. Hilfreich dabei waren, neben den regelmäßigen Treffen mit Vertretern des Dachverbandes, einige Grundsatzpapiere von Bernd Großmann. Er war bis zum 31. Juli 1990 ständiger Vertreter des DSGV beim DDR-Verband und analysierte dort die aktuelle Situation. Seine Erkenntnisse nutzte Großmann für Empfehlungen zum weiteren Vorgehen. So zum Beispiel zu einer möglichen Anlagenpolitik der DDR-Sparkassen, um wirtschaftlich ausgewogen zu agieren, oder auch zur Aktivierung der Verbandsarbeit, um den erkennbaren „vielschichtigen Beratungs- und Betreuungsbedarf“ abdecken sowie eine „Zunahme der geschäftlichen Betätigung der Sparkassen im Markt“ unterstützen zu können. Bestand: Historisches Archiv des OSV, Sparkassenverband der DDR: Erfahrungsaustausch mit den Direktoren der Sparkassen in Leipzig und Berlin, 17.-19.7.1990, Einladung und Festlegungen in Auswertung der Beratung. Akte HA-75/2004 sowie div. weitere Dokumente Akte HA-76/2004.

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Zum Titel: Sie werden es bemerkt haben: Es handelt sich um einen Teil viel zitierter Brechtzeilen: „Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns / Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.“ Doch das Gedicht „Wahrnehmung“ aus dem Jahr 1949 hat mehr zu bieten, als diese zwei Zeilen … Wenn Sie Lust auf „mehr“ haben und Poesie sowieso lieben, dann sei an dieser Stelle sehr empfohlen: Lyrik der DDR, zusammengestellt von Uwe Berger und Günther Deicke, Berlin, Aufbau-Verl., 1974. Auf Seite 37 finden Sie das Gedicht in Gänze!

  • Viele Einlagen und wenig Kredite - so sah es vor 30 Jahren nicht nur bei der drittgrößten Sparkasse der DDR, der Stadtsparkasse Dresden, aus. : © Historisches Archiv des OSV/ Bestand HAP - E 642/2010

Aufbau des Kreditgeschäfts

Blogserie, Teil 42

Der Umfang des Kreditgeschäfts der DDR-Sparkassen war vor 30 Jahren verhältnismäßig gering, was an der jahrzehntelangen Aufgabenverteilung im sozialistischen Bankensystem und der Planwirtschaft lag.* Der Marktanteil der Sparkassen betrug zur Währungsunion bei den Spareinlagen knapp 81 Prozent, bei den Krediten jedoch nur 4,2 Prozent. In erster Linie waren Kredite für den privaten Wohnungsbau, aber auch Konsumentenkredite, etwa Darlehn für junge Eheleute, und geringfügig gewerbliche Kredite im Bestand.

Zum Kundenstamm im Bereich Firmenkredit gehörten vor allem kleinere private Handwerks-, Handels- und Dienstleistungsbetriebe. Sie waren ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung in den Regionen und beim Wachstum des Kreditgeschäfts.** Bereits durch das ERP-Programm konnten die Sparkassen in diesem Segment Fuß fassen und zum Beispiel Existenzgründer unterstützen. Die Kreditausweitung in der zweiten Jahreshälfte 1990 beruhte sogar fast vollständig auf der Nachfrage der mittelständischen Wirtschaft. Das Volumen der Unternehmenskredite hat sich in dieser Zeit mehr als versechsfacht.***

Für den Aufbau des Kreditgeschäfts waren das Sparkassengesetz vom 29. Juni 1990, das die örtliche Kreditversorgung als Aufgabe hervorhob, und die Sparkassenanordnung vom 26. Juli maßgebend. Sie ermöglichten eine universelle Betätigung. So waren Körperschaftskredite, gesicherte Personalkredite und Blankokredite erlaubt. Die Produktpalette wurde angepasst. Zum Beispiel konnten Privatkunden Dispositionskredite und frei verfügbare Anschaffungskredite bekommen, wobei die Bonität der Schuldner zu beachten war.**** Zum Realkredit war festgelegt:

„Darlehen können gegen Grundpfandrechte und Schiffshypotheken gewährt werden. Die Beleihung darf die ersten drei Fünftel des Wertes des Grundstücks, Schiffs- oder Schiffsbauwerks nicht übersteigen. Der bei der Beleihung angenommene Wert des Grundstückes darf den durch sorgfältige Ermittlung festgestellten Verkehrswert nicht übersteigen. Bei der Feststellung dieses Wertes sind nur die dauernden Eigenschaften des Beleihungsobjekts und der Ertrag zu berücksichtigen, welchen dieses Grundstück bei ordnungsgemäßer Wirtschaft jedem Besitzer nachhaltig gewähren kann. Im übrigen sind die nach Anhörung des Sparkassenverbandes von der obersten Sparkassenaufsichtsbehörde zu erlassenden Beleihungsgrundsätze anzuwenden.“ *****

Die rechtlichen Voraussetzungen waren gegeben. Allerdings mangelte es an fachlichem Wissen und praktischen Erfahrungen. Unter anderen mussten die verschiedenen persönlichen und sachlichen Kreditrisiken, die Bonität des Kreditnehmers, die Verhältnismäßigkeit des Kredits zur Ertragskraft des Beleihungsobjektes richtig eingeschätzt werden.****** Auch im Firmenkundengeschäft gab es viele Unsicherheitsfaktoren, welche die Beurteilung der Bonität des Kunden und des wirtschaftlichen Erfolgs der Finanzierung erschwerten. Andererseits mochte einer auf Vertrauen basierenden Finanzierung eines örtlichen Unternehmens in der Gründungsphase eine langfristige Partnerschaft folgen. Wenn aber Kreditbetrüger auf unkundige DDR-Sparkässler trafen, so konnte auch großer Schaden entstehen.******* Es bestand ein enormer Nachholbedarf zur Qualifizierung des Personals. Schulungen zum gewerblichen Kreditgeschäft wurden von den westdeutschen Sparkassenakademien angeboten. Dringend notwendiges Know-how brachten auch die Kollegen aus den Partnersparkassen und die neuen Vorstände mit.

Fortsetzung am 20.07.2020

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* Der Schwerpunkt der Kredite lag beim privaten Wohnungsbau. Maßgebend war aber auch in diesem Bereich nicht die Finanzkraft der Darlehnssuchenden, sondern die Verfügbarkeit von Baukapazitäten. Den Großteil bekam der Massenwohnungsbau vom SED-Staat zugewiesen. Ein geringer Teil des Wohnungsbauvolumens wurde privaten Bauvorhaben zugestanden. Materialmangel war ein großes Problem.

** Vgl. Jahresbericht 1990/91 des Ostdeutschen Sparkassen- und Giroverbandes, S. 17

*** Vgl. Geiger, Walter/ Günther, Hans-Georg: Neugestaltung des ostdeutschen Sparkassenwesens 1990 bis 1995, Stuttgart, 1998, S. 317

**** Deswegen nahm zum 2. Juli 1990 die SCHUFA – Ostdeutsche Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung GmbH, an der der DDR-Sparkassenverband beteiligt war, die Arbeit auf.

***** Anordnung über den Betrieb und die Geschäfte der Sparkassen (Sparkassenanordnung) vom 26. Juli 1990, § 14, in: Gesetzblatt der DDR, Teil I, Nr. 56, 30.08.1990, S. 1276

****** Zu dargestellten Problematik verfasste Bernd Großmann vom DSGV für die Verbandsleitung des DDR-Sparkassenverbandes ein aufschlussreiches Gutachten und mahnte insbesondere angesichts der fehlenden Kreditpraxis zur Zurückhaltung. Vgl. Bernd Großmann: Anlagenpolitik, 09.07.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA – 76/2004

******* Vgl. Geiger/ Günther, 1998, S. 215

  • Keiner Magd, sondern einer Köchin gehörte das Sparbuch von 1887. : © Historisches Archiv des OSV

Wappenkunde in Magdeburg

Wenn man sich mit alten Sparkassenbüchern beschäftigt, so fallen sie oft sofort ins Auge, die kunstvoll gestalteten Wappen der kommunalen Träger der Insitute. In früheren Zeiten existierten sehr viele eigenständige Sparkassen. Und so birgt das Historische Archiv des Ostdeutschen Sparkassenverbandes mit seinem Bestand an Sparbüchern auch eine umfangreiche Wappensammlung. Vorgestellt wurde im Blog zum Beispiel bereits das faszinierende Cottbuser Wappentier.

Hier ist das dekorative Wappen der Stadt Magdeburg zu sehen. Es ziert unser ältestes Sparkassenbuch aus Sachsen-Anhalt. 1887 wurde es bei der Zweigstelle Neustadt der Stadtsparkasse Magdeburg ausgestellt. Das Magdeburger Stadtwappen ist ein sogenanntes redendes Wappen, denn es symbolisiert den Stadtnamen. Eine Magd steht über einer Burg mit geöffnetem Tor. Diese Darstellung findet sich klein in Fenstern des geviertelten Wappenschildes zusammen mit fünfblättrigen Rosen, einem weitverbreitenen heraldischen Zeichen. Doch die weibliche Figur ist noch einmal abgebildet, auf einem Helm stehend. In der Hand hält sie immer einen Kranz als Symbol ihrer Reinheit, ihrer Jungfernschaft.

  • Bei der Stadtsparkasse Magdeburg wurden bis zum 30. Juni 1990 80.120 Auszahlungsquittungen mit einem Gesamtbetrag von 73,7 Millionen DM ausgestellt. Mindestens 100 und höchstens 2.000 DM konnten ab dem Folgetag per Quittung ausgereicht werden. Der Empfang war auf der Rückseite mit Unterschrift zu bestätigen. : © Stadtsparkasse Magdeburg

  • Arbeitsanweisung der Staatsbank der DDR zum Umgang mit DM-Auszahlungsquittungen vom 31. Mai 1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV

Bilanz der ersten Woche

Blogserie, Teil 41

Zum 1. Juli 1990 wurde die Deutsche Mark gesetzliches Zahlungsmittel in der DDR. Ab diesem Tag begannen die ostdeutschen Sparkassen, die Bevölkerung mit der neuen Währung auszustatten. Pro Person konnten bis zu 2.000 DM für die erste Woche ausgezahlt werden. Wer zuvor bei der Abgabe seines Kontoumstellungsantrags eine Auszahlungsquittung beantragt hatte, erhielt Geld. Überliefert ist, dass bei den DDR-Sparkassen vom 1. bis zum 6. Juli 1990 auf 4,3 Millionen dieser Quittungen rund 4,1 Milliarden DM ausgehändigt wurden.*

Vom 3. bis zum 6. Juli fand die Auszahlung bei dem Geldinstitut statt, das die Quittung ausgestellt hatte. Am 1. und 2. Juli konnte man nicht nur direkt bei der Hausbank, sondern auch bei zusätzlichen Auszahlungsstellen Bares bekommen.** Tausende Sonderauszahlungsstellen wurden für diese beiden Tage eingerichtet. Dafür waren Kreiskommissionen, die von den Direktoren und Direktorinnen der Sparkassen geleitet wurden, zuständig.*** Unterstützung erfuhren sie von den Bezirks-, Kreis- und Gemeindeverwaltungen. Nicht zu vergessen die personelle Hilfe der westdeutschen Betreuungssparkassen, die Mitarbeiter auch zur Abwicklung der Währungsumstellung in die DDR entsandten.

Die Sparkässler hatten aber nicht nur mit der Auszahlung der Deutschen Mark zu tun. Mehr als 3,2 Millionen Bürger gaben in der ersten Juliwoche ihre restlichen Ostmarkbestände bei den Sparkassen ab, da nur Guthaben auf Konten umgewertet wurden. Der Freitag vor 30 Jahren war der letztmögliche Tag für Einzahlung und Antragstellung, wenn man nicht unverschuldet verhindert war.**** Die bei den 196 Sparkassen der DDR bis zum 6. Juli anfallenden Bestände in Mark mussten noch am gleichen Tag auf ein Verrechnungskonto bei der nächsten Staatsbankfiliale eingezahlt werden, damit die Umstellung durchgeführt werden konnte.

„Auf der Grundlage entsprechender Festlegungen der Deutschen Bundesbank wurde mit der Staatsbank Berlin dafür folgende technische Abwicklung vereinbart: Die Sparkassen ermitteln die vorhandenen Bestände in Mark der DDR und fertigen über den noch einzuzahlenden Betrag auf das Verrechnungskonto 2 einen Einzahlungsbeleg an, der vom Direktor der Sparkasse gegenzuzeichnen ist. Grundlage dafür sind telefonische Mitteilungen der Zweigstellenleiter, die anhand der Kassenabschlüsse erfolgen. Der einzuzahlende Betrag ist der zuständigen Staatsbankfiliale telefonisch durch einen vom Direktor der Sparkasse beauftragten Abteilungsleiter mitzuteilen. Diese Mitteilung muss spätestens zwischen 17.00 und 18.00 Uhr am Freitag, dem 6.7.1990, erfolgen.“ *****

Am Wochenende stellte die EDV 24,7 Millionen Sparkassenkonten um. Umstellungsbelege wurden ausgedruckt, welche die Kundinnen und Kunden in der Folgewoche abholen konnten. Ab Montag, den 9. Juli 1990, durften sie auch wieder frei über ihre Konten verfügen. In der ersten Juliwoche war der normale Service der Sparkassen nämlich nicht verfügbar. Wegen der Arbeit zur Durchführung der Währungsunion ruhte das Geschäft. Für den Geschäftsabschluss mussten in dieser Zeit zum Beispiel die Zinsen für das erste Halbjahr 1990 berechnet werden. Danach erfolgte die Umstellung. Im Ergebnis wurden zum Stichtag 30. Juni insgesamt Spareinlagen in Höhe von 50 Milliarden Mark 1 zu 1 und von 96 Milliarden Mark 2 zu 1 in DM umgetauscht.******

Fortsetzung am 16.07.2020

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* Vgl. Sparkassenverband der DDR: Presseinformation – Fakten zur Arbeit der Sparkassen in den ersten 4 Wochen nach der Währungsumstellung, 27.07.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV – Rundschreibenbestand

** Vgl. Deutsche Bundesbank: Modalitäten der Währungsumstellung (Kontoguthaben bei Geldinstituten und Bargeld) in der Deutschen Demokratischen Republik am 1. Juli 1990, 21.05.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA 78/2004 Bd. 3

*** Vgl. Geiger, Walter/ Günther, Hans-Georg: Neugestaltung des ostdeutschen Sparkassenwesens 1990 bis 1995, Stuttgart, 1998, S. 138

**** Personen, die damals objektiv nicht in der Lage waren, konnten bis spätestens 30. November 1990 eine nachträgliche Umstellung beantragen. Dabei musste man glaubhaft machen, dass man unverschuldet außerstande war, rechtzeitig das Geld einzuzahlen oder den Antrag zu stellen. Vgl. Staatsbank der DDR: Hinweise der Staatsbank der DDR zur Währungsumstellung im Rahmen der Währungsunion zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland, 21.05.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA Pötzl 13/2004

***** Um Übermittlungsfehler auszuschließen, erfolgte parallel die Information durch den Innenrevisor der Sparkasse an die Bezirksgeschäftsstelle des Sparkassenverbandes der DDR, welche die betreffende Filiale der Staatsbank anrief. Vgl. Sparkassenverband der DDR – Verbandsdirektor Horst Oberländer an die Direktoren der Bezirksgeschäftsstellen, 04.07.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV – Rundschreibenbestand

****** Vgl. Geiger/ Günther, 1998, S. 312

  • Die LBS Ostdeutsche Landesbausparkasse AG bringt 1990 das Bausparen zurück nach Ostdeutschland. Fortan gilt auch hier der 1970 entstandene Slogan: "Wir geben ihrer Zukunft ein Zuhause - LBS". : © Historisches Archiv des OSV

  • Die jüngste deutsche Landesbausparkasse hat ihren Sitz in Potsdam, Am Luftschiffhafen 1. Seit 1993 ist sie eine 100%ige Tochter des Ostdeutschen Sparkassenverbandes und seiner Mitgliedssparkassen. : © Historisches Archiv des OSV

  • Mittlerweile ist die LBS Ost „30 Jahre Zuhause in der Region“. Zum Jubiläum gibt es eine ganz besondere Aktion: Für jeden abgeschlossenen Bausparvertrag im Jahr 2020 wird ein Euro an die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald gespendet und damit ein Beitrag zum Erhalt der regionalen Umwelt geleistet. : © Jubiläumsbanner an der MBS Arena Potsdam, Historisches Archiv des OSV

Eigenes Heim, Glück allein – Bausparen ist wieder möglich

Blogserie, Teil 40

Mit der neuen Währung ist ab dem 2. Juli 1990 der Abschluss eines Bausparvertrages auch in der DDR möglich. Der Minister für Bauwesen, Städtebau und Wohnungswirtschaft, Axel Viehweger, unterzeichnet symbolisch drei Tage zuvor auf einer Pressekonferenz in Berlin den ersten Vertrag des Landes. Damit gibt er den Startschuss für eine ganz neue, zielgerichtete Sparform in der DDR, die gleichzeitig zur Vermögensbildung gut geeignet ist. Mitteilen kann er den Journalisten an diesem historischen Tag, dass der Ministerrat staatliche Fördermaßnahmen für das Bausparen beschlossen hat. In Aussicht gestellt werden in Analogie zum bundesdeutschen Bausparen, jedoch mit zusätzlichen Anreizen für einen begrenzten Zeitraum, etwa Prämien und Steuervergünstigungen sowie ab 1991 eine Arbeitnehmersparzulage. Zinsverbilligungen um drei Prozent für Vor- und Zwischenkredite sollen den Beginn der Bau- und Modernisierungsaktivitäten beschleunigen.*

„Mit den DDR-Sparkassen haben wir den Start gut vorbereitet“, erklärt der Geschäftsführer der Landesbausparkasse Münster in einem Zeitungsinterview zehn Tage zuvor.** So würden im Rahmen der Partnerschaften den 196 DDR-Sparkassen westdeutsches Know-how und die notwendige Technik zur Verfügung gestellt. Auch die Rahmenbedingungen stimmen: Denn die damals zwölf Landesbausparkassen (LBS) der Bundesrepublik und der Sparkassenverband der DDR schaffen mit der „LBS-Beteiligungs-GmbH“ die gemeinsame Grundlage für eine neue Landesbausparkasse, die mit der Währungsunion ausschließlich auf dem Territorium der DDR aktiv wird. Für die Kunden bedeutet das: Sie bekommen einen eigenen Spartopf.***

Warum das so wichtig ist, wird deutlich, schaut man sich das Geschäftsmodell näher an: In einem Vertrag legen Kunde und Sparkasse eine Gesamtbausparsumme fest. Daraufhin folgt eine Zeit des Ansparens mit ganz individuellen regelmäßigen Raten und/oder Sonderzahlungen. Ein Zinssatz zwischen 2,5 und 4 Prozent ist 1990 für das Guthaben festgeschrieben. Anschließend beginnt nach einer bestimmten Wartezeit die Zuteilungs- und Darlehensphase. Im Westen warten zu dieser Zeit Sparer der Landesbausparkassen etwa 55 Monate auf die Zuteilung, für den Osten werden nur 44 Monate prognostiziert.**** Damit DDR-Bausparer nicht etwa durch ihre angesparten Mittel die Wartezeit der Bundesbürger verkürzen, bleibt ihr Geld im „eigenständigen Bausparkollektiv“ bei der neu gegründeten Landesbausparkasse. Am Ziel angelangt, erhält der Bausparer zu seinem angesparten Guthaben ein fest – und gegenüber dem seinerzeit üblichen Marktzins von 8 bis 9,5 Prozent ein eher niedrig verzinstes Darlehen. Darin besteht der eigentliche Vorteil des Modells. Berücksichtigt man die attraktiven Förderprogramme des Staates ergeben sich weitere Vorzüge des Bausparens.

Zahlreiche Pressebeiträge klären bereits vor der Währungsunion die Bevölkerung der DDR über das System des Bausparwesens auf.***** Doch wieso ist gerade dieses Finanzprodukt von so großem öffentlichen Interesse? Ein Blick in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bringt Klarheit. Denn das Bausparen wird hier zur volkswirtschaftlichen Erfolgsgeschichte:

Nach dem Krieg war das Ausmaß zerstörten Wohnraums groß. 40 Prozent des Bestandes war betroffen, sodass der Wohnungsbau in der Wiederaufbauphase schnell in Gang gebracht werden musste. Waren es 1950 erst 300.000 Bausparverträge, stieg die Zahl in den folgenden Jahrzehnten rasant an. 1980 bestanden bereits mehr als 22 Millionen, 1990 sind es schließlich 26 Millionen Verträge mit einem Volumen von ca. 900 Milliarden D-Mark. Bis 1990 beteiligten sich die bundesdeutschen Bausparkassen an der Finanzierung von ca. zehn Millionen Wohnungen. Jeder zweite Haushalt verfügt 1990 über einen oder mehrere Bausparverträge. Die daraus resultierenden Mittel werden bei fast 80 Prozent der Eigenheime bzw. Eigentumswohnungen eingesetzt. Staatliche Förderungen tragen zur weiten Verbreitung und damit zum Erfolg des bundesdeutschen Bausparens wesentlich bei.

Eine ähnliche Entwicklung erhofft man sich nun auch in der DDR. Denn der Wunsch vieler Ostdeutscher nach den eigenen vier Wänden wird im Rahmen der absehbaren Preissteigerungen für Mieten als Potential erkannt. Hinzu kommt, dass Experten das Investitionsvolumen auf ca. 200 bis 500 Milliarden D-Mark schätzen, um den maroden Wohnungsbestand der DDR wieder auf Vordermann zu bringen. Jede zweite Wohnung von insgesamt sieben Millionen muss laut DDR-Bauministerium saniert werden. Kaum noch bewohnbar sind nach bundesdeutschen Maßstäben 1,5 Millionen Wohnungen. Insgesamt weisen etwa 80 Prozent des gesamten Wohnungsbestandes Mängel auf, die einer Behebung bedürfen. Um Sanierung, Modernisierung und Schaffung von Wohneigentum 1990 rasch und im großen Stil voranbringen zu können, ist neben dem staatlichen Wohnungsbau die Mobilisierung von privatem Sparkapital unverzichtbar. Wichtig dabei ist, so auch mahnende Worte in dieser Zeit, dass man die eigenen Sparmöglichkeiten richtig einzuschätzen weiß. Denn der Traum vom eigenen Heim soll am Ende ja nicht zum Albtraum werden.******

Fortsetzung am 06.07.2020

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*Gelder aus dem Staatssäckel als Anschub für Bausparen, in: Neues Deutschland, 45. Jg., 150. Ausg., 30.6.1990, S. 3; Attraktive Bausparförderung nun auch in der DDR, in: Neue Zeit, 46. Jg., 157. Ausg., 9.7.1990, S. 4.

**Bereits auf der Gründungsversammlung des Sparkassenverbandes der DDR am 20. März 1990 rät der soeben gewählte Präsident, Rainer Voigt, zur schnellstmöglichen Bildung einer Landesbausparkasse der DDR. Das Bausparen sollte nicht allein der Konkurrenz überlassen werden, so Voigts Begründung. Quellen: Bausparen aus einem Topf?, in: Neues Deutschland, 45. Jg., 140. Ausg., 19.6.1990, S. 6 (Zitat); Leistungen der Sparkassen nicht länger gebührenfrei?, in: Neues Deutschland, 45. Jg. 68. Ausg., 21.3.1990, S. 3.

***Schauen wir auf 1990 zurück, so bestanden insgesamt noch 30 Bausparkassen in der Bundesrepublik Deutschland, 18 private und 12 öffentliche. Heute sind es laut Verbandsangaben noch 18. Darunter acht Landesbausparkassen, zu denen auch die LBS Ostdeutsche Landesbausparkasse AG als jüngste gehört. Sie blickt in diesen Tagen auf drei erfolgreiche Jahrzehnte zurück. So sind bis Ende 1991 bereits 156.000 Bausparverträge mit einer Summe von 5,1 Milliarden D-Mark abgeschlossen und am 31. März 1992 das erste Bauspardarlehen zugeteilt. Sieben Jahre später wird der einmillionste Bausparvertrag im sächsischen Pleißa unterzeichnet. Nach 25 Jahren hat die jüngste bundesdeutsche Bausparkasse rund 66.000 Immobilien im Wert von über 6,4 Milliarden Euro seit ihrer Gründung vermittelt. Im Laufe der Zeit baute die LBS-Ost ihre Marktführerschaft im Geschäftsgebiet stetig weiter aus. Quellen: div. Geschäftsberichte der LBS Ostdeutsche Landesbausparkasse AG; 25 Jahre LBS Ostdeutsche Landesbausparkasse AG, Oschersleben 2015; 25 Jahre Verbandsarbeit für ostdeutsche Sparkassen, Berlin 2016.

****Bausparen aus einem Topf?, in: Neues Deutschland, Jg. 45, Ausg. 140, 19.6.1990, S. 6; Eignes Heim und eigner Herd sind in Zukunft des Bausparens wert, in: Neue Zeit, 46. Jg., 148. Ausg., 28.6.1990, S. 3.; Dass Wartezeiten durchaus auch höher liegen können, zeigen Zahlen der privaten Bausparkassen von 1989: BHW – 74 Monate, Schwäbisch Hall – 61 Monate, Wüstenrot – 57 Monate, bei einem Standardvertrag mit 40 Prozent geleisteter Ansparsumme. Quelle: Vom „Auferstanden aus Ruinen“ zum Schaffe, schaffe, Häusle baue, in: Berliner Zeitung, 46. Jg., 171. Ausg., 25.7.1990, S. 3.

*****Die Berliner Zeitung widmet sich in der Reihe „Berliner Magazin“ am 30. Juni 1990 sogar ganzseitig dem Thema Bausparen. Neben Erläuterungen des Modells und einem Geschichtsabriss, gibt es auch Beispielrechnungen für eine Modernisierung bzw. für den Erwerb eines Hauses mithilfe eines Bausparvertrages sowie eine umfassende Übersicht von A bis Z, die aufzeigt, dass das Produkt dem Sparer viele Möglichkeiten eröffnet. Außenkamine, Garten, Küche, Malerarbeiten, Türen, Zentralheizungen und andere Dinge mehr lassen sich über diesen Weg sehr gut finanzieren.

******Dass die Mahnungen 1990 nicht unbegründet waren, verdeutlichen die wirtschaftlichen Verhältnisse: Nach der Währungsunion liegt das durchschnittliche Haushaltseinkommen in der DDR von zwei arbeitenden Erwachsenen bei knapp 2.100 D-Mark und das durchschnittliche ersparte Geldvermögen bei etwa 8.000 D-Mark pro Bürger. Im Vergleich dazu betragen das durchschnittliche Monatseinkommen eines vierköpfigen bundesdeutschen Haushaltes 4.118 D-Mark und das durchschnittliche Sparguthaben pro Kopf 45.000 D-Mark. Quellen zu den Daten und Fakten: Berliner Magazin „Bausparen“, in: Berliner Zeitung, 46. Jg., 150. Ausg., 30.6.1990, S. 22; Vom „Auferstanden aus Ruinen“ zum Schaffe, schaffe, Häusle baue, in: Berliner Zeitung, 46. Jg., 171. Ausg., 25.7.1990, S. 3.;  Berndt, Holger: Bausparen in der DDR, in: Sparkasse, 107. Jg., Nr. 6, 1990, S. 266; Mehr historische Informationen zum Thema Wohnen.

  • 30 Jahre Währungsunion - Zeitzeugengespräch mit Ralf Braun, Vorstandsmitglied der Sparkasse Spree-Neiße : © OSV

  • Eine der größten Herausforderungen war, die Warteschlangen zu bewältigen. Also die Währungsumstellung, die organisiert war, auch zu realisieren. Schon morgens gab es teilweise Menschenschlangen von 200 bis 300 Metern – für mich war das unfassbar, erinnert sich Ralf Braun an den Sommer der Währungsumstellung 1990. : © Sparkasse Spree-Neiße

Gekommen, um zu bleiben – Erinnerungen an 1990

Dass sich dieses Land wiedervereinigt
und zwei unterschiedliche Währungssysteme aufeinandertreffen,
das war für mich faszinierend.
Ralf Braun, Vorstandsmitglied der Sparkasse Spree-Neiße

Blogserie, Teil 39

Mit 23 Jahren machte sich Ralf Braun auf den Weg in die DDR. Zum ersten Mal in seinem Leben.  Ziel war die Stadt- und Kreissparkasse Cottbus. Dort wartete man schon auf den jungen Bankkaufmann aus Aachen und freute sich auf seine tatkräftige Unterstützung. Wie Ralf Braun sein Ankommen zwei Tage vor der Währungsumstellung erlebte und welche anschließenden Herausforderungen er für die Sparkasse sah, erzählte er uns in einem Zeitzeugengespräch.*

Herr Braun, wie sind Sie auf die Idee gekommen, in den Osten zu gehen?

Vorweg sei gesagt: Ich lege großen Wert darauf, dass ich keiner von den vielen Glücksrittern bin, die mit einem anderen Grad an Motivation und Hintergrund in die DDR kamen, als ich das jetzt von mir behaupten möchte.

Am 29. Juni 1990 bin ich nach Cottbus gekommen. Durch Seminare des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. sind wir mit der besonderen Situation im Osten vertraut gemacht worden.** Ich persönlich hatte zum damaligen Zeitpunkt keinerlei Karriereabsichten. Vielmehr war es so, dass es für mich als Mensch, der sozialisiert wurde im kalten Krieg, der mit einem eisernen Vorhang aufgewachsen ist – also in einer vollkommen anderen Welt lebte – ein phänomenales Ereignis war. Dass sich dieses Land wiedervereinigt und zwei unterschiedliche Währungen aufeinandertreffen – konvertierbare und nicht konvertierbare –, das war für mich faszinierend.

Wie sah Ihre Unterstützung zur Währungsunion konkret aus? Vom „Schlange stehen“ einmal abgesehen, hat man als Kunde nicht viel davon mitbekommen, was in den Sparkassen tatsächlich an Arbeit alles angefallen ist.

Ich muss ja eines sagen: Die Mitarbeiter hier habe ich als äußerst engagiert, offen, dynamisch und wissbegierig kennengelernt. Die Währungsumstellung war bereits perfekt vorbereitet. Ich kam hier zwei Tage vorher an, das heißt, ich kam am „heißesten Punkt“ mit dazu. Jeder Westdeutsche, der behauptet, er hätte die Währungsumstellung gemacht, der sagt nicht die Wahrheit. Denn die Vorbereitung geschah schon Monate vorher. Zwei Tage vorher konnte man vielleicht noch ein paar kleinere Anregungen geben, was den Auszahlungs- und Umstellungsprozess anbelangt. Aber die Währungsumstellungsanträge der Bürger waren längst gestellt und wurden ab dem 1.7. umgesetzt.

Die Aufgabe nach dem 1. Juli war vielmehr, das wurde mir sehr schnell bewusst, die Währungsumstellung so schnell wie möglich abzuwickeln. Die Politik hatte der Sparkassenorganisation, und insbesondere den Sparkassen der DDR, quasi das gesamte Projekt übergeholfen. In diesem Punkt werde ich auch nicht müde, diesen Fakt immer wieder zu betonen. Die Wettbewerber stellten ihre frisch angemalten Container hin und hatten Null Aufwand mit den Umstellungsarbeiten. Sie öffneten mit Satellitenschüsseln auf ihren Containern und taten so, als ob es eine Filiale in München, Hamburg oder sonst wo wäre. Dann fischten sie sich gleich aus den Warteschlangen die Sparkassenkunden, um mit ihnen Bankgeschäfte abzuschließen.

Und wir? Etwa ein halbes bis zu einem Jahr hatte jede Sparkasse zu tun, die Folgewirkungen der Währungsumstellung zu bewältigen. Das war eine gigantische Aufgabe. Ich kann mich noch sehr gut an eine Geschichte erinnern, zu der sich ein Bild tief in mir eingeprägt hat: Als mich der damalige Sparkassendirektor in der alten Hauptstelle empfing und die Seitentür öffnete, lagen bis unter die Decke gestapelt auf den vielen Stufen der großen Treppenanlage die Umstellungsanträge. Wenn die Tür aufging, flogen sie auch teilweise herum. Für einen Banker, der mit Diskretion, Seriosität und Zahlenaffinität quasi „auf die Welt gekommen ist“, war das natürlich ein Kulturschock – einer der wenigen übrigens. Trotzdem ist alles gut gegangen. Kein Antrag ging damals verloren.

Was betrachten Sie rückblickend als größte Herausforderung?

Eine der größten Herausforderungen war, die Warteschlangen zu bewältigen, also die Währungsumstellung, die organisiert war, auch zu realisieren. Schon morgens gab es teilweise Menschenschlangen von 200 bis 300 Metern – für mich unfassbar. So etwas hatte ich vorher in meinem Leben noch nie gesehen. Die Leute waren anfangs durchaus geduldig. Doch nach zwei bis drei Wochen, als sie ihre Erfahrungen in der neuen Welt gesammelt hatten, änderte sich das. Die Bereitschaft, sich stundenlang anzustellen, nahm von Tag zu Tag immer mehr ab. Da gab es auch unschöne Szenen.

So ist zum Beispiel in einer völlig überfüllten Halle einmal jemand umgekippt. Ich saß gerade beim Direktor im Büro. Eine Kollegin kam und rief: „Herr Braun, Herr Braun, rufen Sie schnell die SMH!“  Ich wusste nicht, was sie von mir wollte und entgegnete: „Bitte sagen Sie mir, was die SMH ist.“ Sie antwortete: „Na die Schnelle Medizinische Hilfe.“ Ich entgegnete: „Sie meinen also einen Rettungswagen?“ – Als das dann geklärt war, habe ich natürlich sofort angerufen.

Solche Themen hatte man in der Folgezeit laufend. Ich verbrachte dann auch mal mehrere Tage bei den Wartenden vor der alten Hauptgeschäftsstelle. Gemeinsam mit einer Kollegin versuchte ich, die Menschen zu beruhigen. In glühender Hitze verteilten wir auch Getränke.

Wie müssen wir uns das vorstellen, nahmen die Menschenschlangen denn nicht ab?

Nein, für ca. 14 Tage nicht. Vielleicht nahmen sie mal 20 oder 30 Meter ab. Aber ansonsten jeden Morgen dasselbe Bild. Erst als die Bargeldlogistik durch war, beruhigte sich die Situation.

Apropos Bargeld: Gab es eigentlich Schwierigkeiten, die neue D-Mark in die ländlichen Sparkassenfilialen zu transportieren?

Wir sind da sehr pragmatisch vorgegangen. Logistische Themen gab es natürlich immer. Dann haben wir Wartburg, Trabi oder Lada genommen und sind losgefahren, um das Geld zu verteilen. Das war für mich auch das Reizvolle an der Aufgabe. Es gab Dinge, die untypisch waren. Aber sie mussten gelöst werden. Ich bin natürlich ebenfalls losgefahren und habe Geld verteilt – ohne Bewachung, ohne alles.

Damals hatte ich einen MINI Cooper und viele sagten: „Mensch, Ihr Auto ist ja noch kleiner als unser Trabi!“ – Leider waren die Autobahnen so schlecht, dass das nicht lange gut ging. Nachdem ich also mit dem MINI Cooper das Bargeld in der Gegend umhergefahren habe, war irgendwann die Platte vollkommen verschoben. Außerdem setzte ich immer auf, weil der Wagen so flach auflag.

Wie ging es nach dem 1.7. dann weiter?

Die Fragen in der zweiten Phase nach der Währungsumstellung lauteten: Wie stellen wir die Sparkassen auf einen marktwirtschaftlichen Kurs um? Wie sorgen wir dafür, dass der Privatkunde mit Beratungsbedarf, der keine Zeit und Lust hat, sich lange anzustellen, auch gut bedient wird? Wie bauen wir die Kundenberatung auf und welche Produkte bieten wir an? Wie sorgen wir dafür, dass die Einlagen möglichst in der Sparkasse bleiben?

Das waren unsere vordringlichsten Aufgaben, unmittelbar nach Einführung der D-Mark in der DDR. Alle Fragestellungen gingen fließend ineinander über. Daher bauten wir zuerst eine Kundenberatung auf. Für zwei Wochen betätigte ich mich mal eben schnell als Berater. Für die Kunden aus dem Spreewald, die stark einlagenlastig waren und daher unsere Passivseite der Bilanz abbildeten, machten wir einen Sonderschalter auf. So versuchten wir, diese Einlagen bei uns zu halten.

Offensichtlich war außerdem: Es gibt einen Mangel an Raum. Um Diskretion und vertrauliche Beratungsgespräche zu ermöglichen, fehlten Flächen. Den Bedarf, der damals gedeckt werden musste, empfinden Kunden heute als Standard. Wir hatten ca. sieben bis acht Filialen und sind dann schnell auf 23 gegangen, was sehr gut war und gebraucht wurde.

Die Kundenberatung war ja auch mit neuen Produktangeboten in der DDR verbunden. Wie haben die Kunden diese angenommen? Musste der Bedarf erst geweckt werden?

Ja, die Neugier war da; auch der Wissensdrang war groß. Aber es gab keine Selbstläufer. Mit Ausnahme von KNAX vielleicht. Damit sind wir 1990 gestartet im Tierpark Cottbus. An dem Tag gab es einen echten Besucherrekord. Innerhalb von einer Woche hatten wir 10.000 Kinder als Mitglieder. Damit war unser KNAX-Club einer der größten in Deutschland. Diesen Erfolg hat mir auf Sparkassen-Tagungen kein Mensch geglaubt. Aber eine KNAX-Mitgliedschaft hat eben auch eine große emotionale Komponente für die Kinder. Und für unsere Sparkasse war das der Startpunkt für unser sehr solides Fundament im Jugendmarkt. Bis heute ist der KNAX-Club die beste Basis für eine langjährige, vertrauensvolle Kundenbeziehung.

Bei allen anderen Produkten war das nicht so. Denn bei Bankdienstleistungen – egal ob Ost oder West – ist keine Emotionalität vorhanden. Das ist typisch für unser Geschäft. Es ist eben kein Auto. Es geht höchstens um Absicherung von Risiken, um die Altersvorsorge und so fort.

Wo Emotionalität tatsächlich spürbar wurde, das war beim Wohnungsbaukreditgeschäft und beim Unternehmertum. Beides hat sich explosionsartig entwickelt und die Umsetzung war zu diesem Zeitpunkt sehr anspruchsvoll. So gab es zum Beispiel bei den Kunden, die sich selbständig machen wollten, keine Erfahrungswerte zu ihren unternehmerischen Qualifikationen. Auch war ihr Eigenkapital gleich Null. Es musste also eingeschätzt werden: Ist der Mensch dir gegenüber ein Unternehmertyp? „Ja“ oder eher „Nein“? Für uns ist das ein Risikogeschäft gewesen.

Beim Wohnungsbaukreditgeschäft stand der Wunsch nach einem eigenen Haus, nach Umbauten und Sanierungen im Vordergrund. Diese Geschäfte haben sehr viel Spaß gemacht. Denn die Kunden waren froh, Kredite zu bekommen.

Herr Braun, haben Sie zum Schluss noch eine Anekdote für uns aus der Anfangsphase?

Da gibt es viele Geschichten. Aber ich erinnere mich noch sehr gut an folgende: Etwa 14 Tage nach der Währungsumstellung haben wir an einem Wochenende entschieden, dass wir uns die nicht besonders kundenfreundlichen Schalteraufsätze vornehmen und die gesamte Aufbaustruktur ändern. Erdacht, getan. Mit allen Männern, die in der Sparkasse vorhanden waren, schraubten wir die Aufsätze der Schalter 1-25 ab. Anschließend gestalteten wir Bereiche für Firmenkunden und für Privatkunden, wobei wir letztere nach Buchstaben gruppierten.

Als die Angestellten dann am Montag kamen, wurden sie erst eine halbe Stunde vor der Öffnung eingeweiht. Das war für einige ein Schock: Plötzlich war ihr Schutzschalter weg und sie waren nun von Kopf bis Fuß zu sehen. Die Face-to-Face-Situation war anfangs für einige nur sehr schwer umzusetzen. Uns ist sogar jemand umgekippt wegen der Neuerung. Aber: Innerhalb von nur zwei Wochen hat sich schlagartig der gesamte Kleidungsstil verändert. Niemand wollte etwa mit Schürze oder dergleichen dort sitzen. Das zeigt, wie schnelllebig diese Zeit war. Manchmal mussten über Nacht Lösungen gefunden werden. Gewaltige Veränderungen waren das damals.

Fortsetzung am 02.07.2020

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*Ralf Braun ist seit Januar 2004 Mitglied des Vorstandes der Sparkasse Spree-Neiße und seit nunmehr 30 Jahren im Osten der Republik zu Hause. Nach Lehre und Grundwehrdienst kam er 1990 im Rahmen des „regionalen Partnerschaftsprogramms“ der westdeutschen Sparkassenorganisation nach Cottbus. Die Sparkasse hatte großen Bedarf. Denn der Bezirk war noch „unterversorgt“, was die personelle Hilfe anbelangte, so die Feststellung auf dem Koordinatorentreffen Mitte Mai 1990.

Nachdem die Präsidenten der Regionalverbände Ende Mai und die anschließende außerordentliche Mitgliederversammlung am 18. Juni der zweiten Phase der personellen Hilfe zugestimmt hatten, die über die Währungsunion hinaus eine längerfristige Entsendung von rund 600 Fachkräften westdeutscher Sparkassen ab Juli 1990 sowie die Kostenübernahme vorsah, stand der kontinuierlichen Aufbauunterstützung in Ostdeutschland nichts mehr entgegen.

Auch Ralf Braun blieb nach der Währungsumstellung. In der ersten Zeit arbeitete er als persönlicher Referent des Vorstandes. Seine Aufgabenschwerpunkte waren vielfältig und betrafen neben der Aufbauorganisation der Sparkasse, auch Aus- und Fortbildung, die Neueinführung der Passiv-Produktpalette sowie die gesamte Vertriebspolitik mit Geschäftsstellennetz. Unter seiner Leitung wurden viele wichtige Projekte ein Erfolg, wie die Fusion der Sparkassen Cottbus, Forst, Guben und Spremberg zur Sparkasse Spree-Neiße zum 01.01.1995 und die anschließende Gestaltung des Corporate Design für das neue Haus. Nach der Fusion übernahm er als Marktbereichsdirektor die größte Marktdirektion in Cottbus. Zahlreiche Weiterbildungen und Führungsaufgaben qualifizierten ihn schließlich für die verantwortungsvolle Aufgabe als Vorstandsmitglied für den Marktbereich seit dem 01.01.2004.

Quellen: Vermerk über die Zusammenarbeit mit den DDR-Sparkassen – Koordinatorentreffen am 15./16. Mai 1990 in Berlin, Bonn, 21. Mai 1990; ZZI Ralf Braun, 12.05.2011, Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA-75/2004; Niederschrift über die Verbandsvorsteherkonferenz am 28./29. Mai 1990 in Berlin; Ergebnisniederschrift über die Außerordentliche Mitgliederversammlung des deutschen Sparkassen- und Giroverbandes am 18. Juni 1990 in Frankfurt/Main, Bestand: Sparkassenhistorisches Dokumentationszentrum Bonn.

**Seminare bereiteten die westdeutschen Sparkassenangestellten auf ihren Einsatz in der DDR vor. Der Dachverband gab „Informationen für die Sparkassenarbeit in der DDR“ heraus. Im Vorwort dankt er den freiwilligen Helfern und unterstreicht: „Die Umorientierung auf eine Marktwirtschaft ist eine ungewohnte und zugleich ungeheure Aufgabe für die Kolleginnen und Kollegen in der DDR. Die Unterstützung der westdeutschen Mitarbeiter ist deshalb wichtig, weil Erfahrungen im Umgang mit Wettbewerbern und mit ratsuchenden Kunden in der DDR bisher nicht gesammelt werden konnten. Auch die Erweiterung der Produktpalette, die betriebswirtschaftliche Steuerung der Häuser sind neue Aufgaben […] Wir bitten Sie, an diese neuen Aufgaben mit Einfühlungsvermögen und Verständnis für die andersartigen Bedingungen in der DDR heranzugehen.“ Quelle: Bestand: Historisches Archiv des OSV, HA-Günther 9/2004.