• Deckblatt der von einer sozialistischen Arbeitsgemeinschaft der Sparkassen des Bezirks Halle ausgearbeiteten Broschüre - Bestand: Historisches Archiv des OSV

Sozialistische Sparkassenarbeit

Auch in der DDR wurde Sparkassengeschichte geschrieben, zum Beispiel vor 50 Jahren von einer sozialistischen Arbeitsgemeinschaft der Sparkassen im Bezirk Halle. Sie veröffentlichte eine Erfolgsbilanz der Jahre seit 1945, die zeittypisch ideologisch geprägt ist. So wurde etwa der Begriff „Nationalsozialismus“ vermieden. Das Ende des Zweiten Weltkriegs und des „Faschismus“ markiere einen Neubeginn. Die Sparkassen wurden geschlossen, neue Sparkassen ohne Rechtsnachfolge gegründet. „Sie stellten etwas völlig Neues dar und hatten auch ihrem Wesen nach mit den bisherigen Sparkassen nichts gemeinsam.“ Außerdem habe sich der Spargedanke verändert. Vorsorgesparen sei im „ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat“ nicht mehr notwendig.

„Die Regierung der DDR garantierte von Anfang an den Bürgern die Sicherheit ihrer Spareinlagen. Sie konnten sich mit Optimismus und Zuversicht für ein Sparen aus neuen Motiven entscheiden. Die Beweggründe für das Sparen liegen nicht mehr in den Existenzsorgen und der Lebensunsicherheit kapitalistischer Verhältnisse begründet. Der für das kapitalistische System typische Werbespruch ‚Spare in der Zeit, so hast du in der Not‘ hat bei uns keine Berechtigung mehr. Die Bürger unserer Republik sparen, weil sie sich ihr persönliches Leben immer schöner gestalten wollen. Sie tun es im Bewußtsein, daß sich die sozialistische Wirtschaft krisenfrei und planvoll im Interesse aller Werktätigen entwickelt und damit alle Voraussetzungen hat, daß die Spareinlagen nicht mißbraucht werden.“

Aufgabe der „volkseigenen“ Sparkassen war es, die „Arbeiterklasse“ entsprechend der ihr zugedachten Rolle in der Gesellschaft zum Hauptträger der Spartätigkeit „zu entwickeln“. Im Auftrag der „Partei der Arbeiterklasse“ und der Regierung wirkten die Sparkassen als sozialistische Geld- und Kreditinstitute der Bevölkerung, so heißt es in der Schrift. Ihre große volkswirtschaftliche Aufgabe war zunächst, „das Sparen bei den Bürgern unserer Republik zum Bedürfnis werden zu lassen“. Das wurde staatlich gefördert. Für die individuelle Spartätigkeit sei dabei die nur unter sozialistischen Verhältnissen mögliche Verankerung der Garantieerklärung der Regierung für die Einlagen im Statut der Sparkassen 1956 sehr wichtig gewesen. Mit verschiedenen Zwecksparformen und Werbemaßnahmen wurde das Sparen populär gemacht. 1970 war die Gewinnung von Sparern dann nicht mehr vordringlich.

„Die hochentwickelte Spartätigkeit der Bevölkerung in der DDR nimmt heute innerhalb des sozialistischen Lagers den führenden Platz ein. Das war möglich, weil das Bewußtsein der Bevölkerung, ihr Vertrauen zum Staat sowie zu den Sparkassen und Banken gewachsen war und sich das Realeinkommen aller Klassen und Schichten erhöhte.“

Aber was geschah mit den ganzen Spareinlagen? Das Geld wurde nicht wie zuvor „den Herrschaftsgelüsten des deutschen Imperialismus geopfert“, sprich zur Kriegsfinanzierung genutzt. Dass den Sparkassen 1958 die Finanzierung und die Kontrolle des gesamten Wohnungsbaus als Aufgabe übertragen wurde, beweise die Übereinstimmung der gesellschaftlichen mit den persönlichen Interessen. Im Sozialismus diene nämlich jedem einzelnen, was der Gesellschaft nütze. Im Bezirk Halle, der sich zum „Chemiezentrum“ der DDR entwickelte, erlebte der Wohnungsbau mit Hilfe der Sparkassen einen enormen Aufschwung. Die Bilanz war eindrucksvoll.

„Der Aufbau der Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt stellt einen besonderen Schwerpunkt dar. Um die für die Chemiegiganten Leuna und Buna notwendigen Arbeitskräfte zu konzentrieren, wurde 1964 mit dem Bau einer modernen, sozialistischen Wohnstadt begonnen. Die Zahlen der bis Ende 1969 gebauten und von der Sparkasse Halle finanzierten Wohnungen und Gemeinschaftseinrichtungen zeigen die große Rolle der Spareinlagen als Finanzierungsquelle:

  • Wohnungsneubau 10 850 Wohnungen
  • Schulen 6 480 Plätze
  • Kindergärten 2 480 Plätze
  • Kinderkrippen 1 018 Plätze“
  • Siegel der vor 190 Jahren eröffneten Sparkasse : © Historisches Archiv des OSV

Von den Anfängen der Sparkasse in Görlitz

Sechs Jahre, nachdem die Landstände der Niederlausitz eine in mehreren Kreisen wirkende Sparkasse mit Sitz in Lübben gegründet hatten, trat auch für die preußische Oberlausitz solch eine Flächensparkasse ins Leben. Die Kommunalstände gründeten die Oberlausitzer Provinzial-Spar-Kasse, die am 1. Oktober 1830 die Geschäftstätigkeit aufnahm. Ihre Verwaltung oblag dem Ständischen Landsteuer-Amt in Görlitz. Angebunden war eine Nebenkasse. In weiteren neun Städten existierten solche Einrichtungen, deren Zuständigkeit sich zunächst auf den Sparverkehr beschränkte. Die Sparkasse nahm Einlagen schon ab zehn Silbergroschen (Sgr.) an und berechnete Zinsen ab einem Taler (Thlr.). Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten, insbesondere jüngere, wurden in einer Bekanntmachung vor der Eröffnung als Zielgruppe angesprochen.

„Ein Silbergroschen, welcher von der Geburt eines Kindes an bis zu dessen 15ten Jahre wöchentlich zurückgelegt und wenn das Zurückgelegte 10 Sgr. beträgt, jedesmal in die Sparkasse eingezahlt wird, machet 33 Thlr. 7 Sgr. aus und ist bei dessen Eintritte in die Lehrzeit, eine bedeutende Beihülfe zum Lehrgelde und anständiger Bekleidung. Fünf Silbergroschen, die ein Geselle wöchentlich, anstatt auf den Tanzboden oder in Bierhäuser zu tragen, zur Sparkasse einzahlt, wachsen in 20 Jahren bis zu 246 Thlr. 29 Sgr. 4 1/2 Pf. an. Ein Dienstbote, der vierteljährig 4 Thlr. Lohn bekommt und davon regelmäßig 1 Thlr. in die Sparkasse einlegt, hat nach 20 Jahren ein Kapital von 114 Thlr. 29 Sgr. 7 1/2 Pf., und heirathet er eine Person, die eben so vorsichtig gehandelt, so haben sie zusammen 229 Thlr. 29 Sgr. 3 Pf., wovon sie sich ein Haus kaufen, ihr Hauswesen einrichten, oder die Betreibung eines für sie vortheilhaften Gewerbes anfangen können.“

Aber nicht nur für das Fortkommen im Leben, sondern auch für Notzeiten, etwa die Arbeitslosigkeit, gelte es, rechtzeitig Rücklagen zu schaffen. Nicht, dass die letzte Kuh oder der Hausrat verkauft werden müsse. Außerdem solle an die Zeit des Alters und der Krankheit gedacht werden. Es sei nicht gut für den Ruf, Hilfe von der Gemeinde zu erflehen oder im Armenhaus zu suchen. Wenn Gott dem Sparer seine Lebenstage verlängere, vermehre sich sein Vermögen weiter und er könne ein wohlerworbenes Gut hinterlassen. Die Erben wären dankbar, würden seinem Beispiel folgen und selbst Sparkassenkunden werden. Mit solchen Ausführungen wurde vor 190 Jahren die Selbstvorsorge propagiert, nicht nur in Görlitz. Die Sparkasse galt als wohltätige Einrichtung, die helfen konnte, die Lebensumstände der „kleinen Leute“ zu verbessern. Hilfe zur Selbsthilfe hieß das Prinzip.

In der Präambel der Satzung stand, dass mit der Gründung der Sparkasse die „unbemittelten“ Einwohner des preußischen Teils der Oberlausitz Gelegenheit bekamen, ihre kleinen Ersparnisse unterzubringen. In der Realität wurden, wie andernorts auch, nicht ausschließlich ärmere Menschen Kunden und genossen die Vorteile einer sicheren und zinsbaren Geldanlage. So zeigt beispielsweise die Aufstellung der Ende 1830 bei der Görlitzer Nebenkasse des Instituts bestehenden 193 verzinsten Konten lediglich 44 Stück unter zehn Taler. Das dickste Konto betrug 300 Taler. Auf dem Sparbuch mit der Nr. 1 lagen 99 Taler, 16 Silbergroschen und 6 Pfennige. Interessant erscheint im Zusammenhang mit der Frage nach der Herkunft, dass gemäß Statut niemand verpflichtet war, dem Rendanten Auskunft über seinen gesellschaftlichen Stand zu geben.

  • Präsident Rainer Voigt thematisierte in seiner Rede unter anderem den Beitrag der Sparkassen zur wirtschaftlichen Entwicklung in Ostdeutschland. : © Foto Hesse GmbH/ Historisches Archiv des OSV

Ein außerordentlicher Verbandstag

Blogserie, Teil 52

176 Direktorinnen und Direktoren folgten der Einladung des Präsidenten des Sparkassenverbandes der DDR vom 3. September 1990 und kamen vor 30 Jahren ins Hotel Inter-Continental in der Budapester Straße im Westteil Berlins. Weil in Anbetracht des Vereinigungsprozesses eine Änderung der Satzung notwendig war, fand dort ein außerordentlicher Verbandstag statt.* Am 14. September hatte der Vorläufige Verbandsrat eine wichtige Vorlage für die Versammlung ausgearbeitet, welche dann als Beschluss Nr. 8/1990 realisiert wurde. Sie betraf auch eine Namensänderung.

„1. Der Sparkassenverband der DDR erhält folgende Bezeichnung: Sparkassen- und Giroverband für die Sparkassen der Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (Ostdeutscher Sparkassen- und Giroverband).

2. Der Präsident des Verbandes wird beauftragt, die Satzung des Sparkassenverbandes entsprechend den politischen und strukturellen Veränderungen zu überarbeiten und dem Verbandstag zur Beschlussfassung vorzulegen.“**

Die Entscheidung der Umbenennung erfolgte einstimmig durch die Mitglieder des Verbandstages, zu denen auch die Direktoren der 14 Bezirksgeschäftsstellen des Sparkassenverbandes der DDR gehörten. Die DDR und die 1952 geschaffenen Bezirke sollte es bald nicht mehr geben. Der Einigungsvertrag vom 31. August 1990, den die Volkskammer und der Deutsche Bundestag am 20. September ratifizierten, sah vor, dass die DDR der Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober beitrat und zugleich fünf neue Bundesländer entstanden.*** Die Zuständigkeit des Sparkassenverbandes für die Länder wurde in der neuen Bezeichnung verankert. Die Sparkassen sprachen sich beim Verbandstag auch für ein künftiges Zusammenbleiben in einem Mehrländerverband aus.****

Die Satzungsfragen waren aber nicht das einzige Thema. Beschluss Nr. 7 betraf den Beitritt zum Deutschen Sparkassen- und Giroverband. Die Vorlage, welche Rainer Voigt den Auftrag erteilte, die ordentliche Mitgliedschaft im DSGV mit Wirkung zum 3. Oktober 1990 zu beantragen, hatte der Vorläufige Verbandsrat ebenfalls am 14. September abgesegnet. Noch am 20. September bat Voigt den DSGV-Präsidenten um die wohlwollende Unterstützung des Antrages und drückte seine Hoffnung auf die einhellige Zustimmung der Mitgliedsverbände aus.***** Die Aufnahme sollte dann auf der Mitgliederversammlung am 13. Dezember erfolgen. Damit wurde eine historische Organisationsstruktur wiederhergestellt. Bereits 100 Jahre zuvor war festgelegt worden, dass die regionalen Sparkassenverbände in Deutschland einem Dachverband angehörten.

Die Deutsche Einheit stellte natürlich ein wichtiges Thema in den Reden der beiden Präsidenten dar. Rainer Voigt erklärte, „es komme nunmehr für die Sparkassen darauf an, die Mitwirkung am wirtschaftlichen Gesundungsprozess vor Ort engagiert wahrzunehmen. In Erfüllung ihres öffentlichen Auftrags seien die Sparkassen verpflichtet, als zuverlässige Partner ihrer Kunden und insbesondere des Mittelstandes wirtschaftliches Wachstum und sozialen Wohlstand zu fördern“.****** Dr. h.c. Helmut Geiger versicherte, „dass nunmehr im vereinten Deutschland die Sparkassen und ihre Verbundpartner in der Sparkassen-Finanzgruppe als größte und fächendeckende Institution unter den Kreditanstalten in Deutschland ihre gesamte Leistungskraft in den Dienst des wirtschaftlichen Erblühens ihrer Geschäftsgebiete stellen werden“.*******

Geiger und Voigt saßen nebeneinander auf dem Podium, flankiert vom Vorsitzenden des Vorläufigen Verbandsrates und dem Stellvertreter des DDR-Sparkassenverbandspräsidenten. Die vakante Stelle des zweiten Stellvertreters wurde nun besetzt. Die Wahl fiel mit überwältigender Mehrheit auf den Geschäftsführer des Westfälisch-Lippischen Sparkassen- und Giroverbandes, Heinrich Zumkley. Er hatte sich am 14. September beim Verbandsrat vorgestellt, der übereinstimmend empfahl, ihn als Kandidaten vorzuschlagen.******* Ein weiterer Programmpunkt war die Verabschiedung einer Erklärung an die Regierungen in Ost und West bezüglich vormals vom SED-Staat bezuschusster, also zinsloser beziehungsweise niedrig verzinster, Kredite. Die Sparkassen konnten diese Subventionen nicht leisten. Die Anpassung der Zinsen an die Marktverhältnisse war damals ein schwieriges Unterfangen.*********

Aber nicht nur Vertreter der Sparkassen und Verbände, sondern auch aus der Kommunalpolitik nahmen am Verbandstag teil. Ostdeutsche Landräte und Oberbürgermeister waren als Gäste geladen. Mit ihnen erörterten Geiger, Voigt und weitere Repräsentanten des DDR-Verbandes im Anschluss das Vorgehen zur Einbindung der kommunalen Gewährträger in den Ostdeutschen Sparkassen- und Giroverband (OSGV). So sollten etwa die Präsidenten der Landkreistage sowie Städte- und Gemeindetage Vertreter für eine Satzungsdiskussion benennen. Schnellstmöglich sollten diese zusammen mit Vertretern der Sparkassen einen Ausschuss bilden, um eine neue Verbandssatzung zu erarbeiten.********** Im Frühjahr des Folgejahres lag als Ergebnis ein Entwurf vor, der von den Regierungen vier ostdeutscher Bundesländer mitgetragen wurde. Auf dem 2. Verbandstag in Cottbus am 17. September 1991 gaben die Vorsitzenden der Verwaltungsräte und die Sparkassenvorstände aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt ihrem Verband schließlich eine neue Satzung.

Fortsetzung am 21.09.2020

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* Danach erwartete die Teilnehmenden die erste marktpolitische Tagung des Verbandes. Vgl. Sparkassenverband der DDR – der Präsident an die Damen und Herren Direktoren der Sparkassen und Direktoren der Geschäftsstellen: Einladung zum Außerordentlichen Verbandstag und zur 1. Marktpolitischen Tagung des Verbandes, 03.09.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HAE – Pötzl 6/2004

** Sparkassenverband der DDR – Vorläufiger Verbandsrat: Beschluss Nr. 31/90 – Satzungsfragen, 14.09.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HAE – Pötzl 6/2004

*** Auch Berlin wurde wiedervereinigt. Die 23 Stadtbezirke bildeten das Land Berlin. Die beiden Sparkassen in der Stadt wurden noch 1990 auf die Landesbank Berlin – Girozentrale überführt. Sie war als Sparkassenverband für Berlin zuständig. Vgl. Landesbank Berlin – Girozentrale: Jahrespressekonferenz am 24.04.1991, Berichterstatter Hubertus Moser – Vorsitzender des Vorstandes, S. 1; Bestand: Historisches Archiv der Berliner Sparkasse

**** Vgl. Ostdeutscher Sparkassen- und Giroverband: Jahresbericht 1990/1991, S. 8

***** Vgl. Sparkassenverband der DDR – der Präsident an den Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes e.V., Herrn Dr. h.c. Helmut Geiger, 20.09.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HAP – E 718 (Bd. 1)

****** zitiert im Artikel Ostdeutscher Sparkassenverband beantragt DSGV-Mitgliedschaft, in: Deutsche Sparkassenzeitung, Nr. 75, 28.09.1990, S. 2

******* ebd.

******** Vgl. Sparkassenverband der DDR – Vorläufiger Verbandsrat: Protokoll der Beratung des Vorläufigen Verbandsrates des Sparkassenverbandes am 14. September 1990, 18.09.1990, S. 1; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HAE – Pötzl 6/2004

********** Vgl. Geiger, Walter/ Günther, Hans-Georg: Neugestaltung des ostdeutschen Sparkassenwesens 1990 bis 1995, Stuttgart, 1998, S. 146 ff.

*********** Vgl. Vermerk Rainer Voigts über ein Gespräch mit den zum außerordentlichen Verbandstag anwesenden Oberbürgermeistern und Landräten am 20.09.1990; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HAP – E 718 (Bd. 1)

  • Die Kreissparkasse Grimma war die erste Sparkasse im heutigen Verbandsgebiet, die 1990 auf das neue EDV-System umgestellt wurde. Hier erfolgte die Ausstattung mit Computern von Siemens-Nixdorf. : © Kreissparkasse Grimma/ Sparkassen-Museum Muldental e.V.

  • Die ersten Überleitungen im Freistaat Sachsen erfolgten 1990 in Grimma, Chemnitz und Bautzen. : © Historisches Archiv des OSV

Die Überleitung der EDV

Blogserie, Teil 50

Die Umstellung der Datenverarbeitung auf westdeutschen Standard stellte nach der technisch-organisatorischen Bewältigung der Währungsunion eine weitere gewaltige Aufgabe für die ostdeutsche Sparkassenorganisation dar, die rasch angegangen werden musste. Denn nur mit einem modernen, erprobten und leistungsfähigen System war es zum Beispiel möglich, die gewachsene Zahl der Geschäftsvorfälle zu bearbeiten, die Serviceleistungen deutlich zu verbessern und das Angebot neuer Produkte edv-mäßig zu unterstützen.* Bereits seit dem Frühjahr 1990 fand deswegen eine intensive Zusammenarbeit zwischen dem Sparkassenverband der DDR und dem Niedersächsischen Sparkassen- und Giroverband statt. Als Gemeinschaftsunternehmen entstand dann am 31. August die dvs Datenverarbeitungsgesellschaft Sparkassenorganisation mbH, an der der DDR-Sparkassenverband und die dvg Hannover beteiligt waren.

Bald wurde die dvs alleiniger Anbieter von EDV-Anwendungen für die ostdeutschen Sparkassen und übernahm nicht nur Personal der DGW Datenverarbeitungsgesellschaft Geldwirtschaft mbH, sondern auch zwei Bezirksstationen, wo nun eigene Rechenzentren aufgebaut werden sollten. Während der Standort Berlin bereits am 17. November 1990 einsatzbereit war, konnte Leipzig erst am 16. Februar 1991 tätig werden. Zur Hardware vermerkt eine Dokumentation zur Entwicklung der dvs, auf der dieser Blog basiert, Interessantes für Technikfreunde. So gab es bei Inbetriebnahme der Rechenstationen 2 IBM-Großrechner, Magnetplattenlaufwerke mit 900 Gigabyte Speicherkapazit, Magnetbandeinheiten in Form von 60 Kassetten und 6 Bändern, 18 schnelle Laser- und 2 Stahlbanddrucker sowie 8 online-COM-Anlagen und 8 online-Duplizierer für Mikrofilme.**

Auch bei den Sparkassen sollte neue Technik einziehen. Bereits im Mai 1990 ermittelte man den Bedarf in Hinblick auf die künftige Terminalausstattung der Arbeitsplätze sowie den ersten Bedarf an Selbstbedienungsgeräten. Nicht nur zur Erfassung der Daten für die Währungsumstellung am 1. Juli spendete der Deutsche Sparkassen- und Giroverband 1.000 PC. Ende Mai wurde 137 Computer-Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt, weitere 384 bis Ende August eingerichtet. In der zweiten Jahreshälfte 1990 kamen noch 479 dazu. Eine Grundvoraussetzung der Überleitung vom ESER- auf das dgv-System war die vollständige Kundendatenerfassung. Das sah das endgültige Überleitungskonzept der dvs vom 7. September 1990 vor. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sparkassen wurden praxisbezogen ausgebildet, um die relevanten Daten aufnehmen zu können. Als Erfassungsbelege dienten die zur Währungsunion benötigten Umstellungsbelege. Mit von der dvs entwickelten Programmen wurden die Kundensystemdaten am PC erfasst und verarbeitet.*** Sie wurden auf Disketten gespeichert, konvertiert, auf Magnetbänder übertragen und in das neue Anwendungssystem eingespielt.

Was die Einführung moderner Hardware betrifft, so erfolgte aus pragmatische Gründen eine Zuordnung der Sparkassen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg zum Hersteller IBM, der in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu Siemens-Nixdorf. Vor der Überleitung mussten die Firmen die Sparkassen mit der erforderlichen EDV-Technik ausgestattet haben. Auch war die Bereitstellung von Leitungen für die Datenübertragung zwischen Sparkassen und Rechenstationen erforderlich, wobei die Kapazitäten des Telekomnetzes oft Probleme bereiteten.**** Die Verantwortung für die Vorbereitung und Durchführung der Umstellungen, die an Wochenenden stattfanden, trugen spezielle dvs-Teams, die zunächst bei Pilotsparkassen praktische Erfahrungen sammelten. Den Kern der Truppe bildeten Mitarbeiter von Rechenstationen der DGW, die bereits die EDV-Altanwendungen betreut hatten und 1990 qualifiziert wurden. Unterstützung erfuhren sie insbesondere von Spezialisten der dvg Hannover, die bei Überleitungen von Pilotsparkassen Wissen weitergaben.

Die erste Überleitung gab es am 6. Oktober 1990 bei der Kreis- und Stadtsparkasse Suhl. Da Leipzig noch nicht einsatzbereit war, wurde die Sparkasse über einen Test- und Reserveserver der dvg in Braunschweig übergeleitet.***** Die Datenbestände verlagerte man später nach Leipzig, so auch die der Kreissparkasse Grimma, die am 10. November 1990 umgestellt wurde. Über das dvs-Rechenzentrum in Berlin fand am 17. November die Kreissparkasse Neustrelitz und am 1. Dezember die Stadtsparkasse Magdeburg Anschluss. Die erste Überleitung in Brandenburg fand am 9. Februar 1991 bei der Stadt- und Kreissparkasse Cottbus statt. Da waren die Pilotierungen schon abgeschlossen. Insgesamt konnten bis zum 30. November 1991 planmäßig sämtliche Sparkassen übergeleitet werden. Als letztes war die Kreissparkasse Zerbst an der Reihe. Damit war aber nur die erste Phase des Überleitungsprozesses beendet und ein einheitlicher Zahlungsverkehr sichergestellt.

Fortsetzung am 14.09.2020

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* Vgl. Abriss: Die dvs in 5jähriger Partnerschaft mit den ostdeutschen Sparkassen, 27.07.1995, S. 43; Bestand: Historisches Archiv des OSV, HAP – E 640/2010 Bd. 2

** Vgl. ebd., S. 57

*** Vgl. ebd., S. 39

**** Vgl. ebd, S. 51

***** Vgl. ebd., S. 54

  • Berichtenswert fand die Deutsche Sparkassenzeitung, dass junge Leute aus Sangerhausen bei der westdeutschen Partnersparkasse, der Kreissparkasse Hildesheim, ihre Ausbildung absolvierten. : © Deutscher Sparkassenverlag

Das Ausbildungsjahr beginnt

Blogserie, Teil 49

Am 1. September 1990 begannen bei den DDR-Sparkassen rund 1.250 junge Menschen ihre Ausbildung. Investitionen ins Personal mussten damals unbedingt getätigt werden. Die Institute waren im Vergleich zu denen in der Bundesrepublik Deutschland unterbesetzt.* Erstmals konnten die Ost-Sparkassen eigenverantwortlich über die Zahl der Azubis bestimmen. Bisher hatten planwirtschaftliche Zuteilungen für eine Unterversorgung gesorgt.** So waren für 1990 eigentlich nur 260 Lehrlingseinstellungen vorgesehen, bei einem Gesamtbestand von etwa 20.000 Beschäftigten. Die Sparkasse Rostock, aufgegangen 1994 in der OstseeSparkasse Rostock, berichtete über die Neuerungen.

„Im September 1990 begann auch bei der Berufsausbildung eine neue Zeit. Das Berufsziel heißt auch bei uns wieder ‚Bankkaufmann‘. Diese neue Ausbildung, die nach der Ausbildungsverordnung Bankkaufmann und einem Rahmenplan des Kultusmunisteriums erfolgt, erforderte umfangreiche organisatorische und qualitative Veränderungen. Anstelle der 10 – 15 vorgegebenen Ausbildungsplätze für weibliche Schulabgänger konnten wir entsprechend unseres Bedarfs 25 Ausbildungsplätze, auch für männliche Bewerber, zur Verfügung stellen.“ ***

Wurde man bislang in zwei Jahren zum „Finanzkaufmann“ mit der Spezialrichtung Geld und Kredit ausgebildet, galt es nun, in drei Jahren den Abschluss „Bankkaufmann“ zu erwerben. Laut Beschluss des DDR-Parlaments vom 19. Juli 1990 war das Berufsbildungsgesetz der Bundesrepublik vom 14. August 1969, zuletzt geändert durch das Berufsbildungsförderungsgesetz vom 23. Dezember 1981, die neue rechtliche Grundlage für die Ausbildung.**** Damit herrschten einheitliche gesamtdeutsche Ausbildungsregelungen. Eine Besonderheit im Osten war jedoch, dass die bei den westdeutschen Sparkassen obligatorische Probezeit entfiel.***** Ende 1990 wurden in Brandenburg 193, in Mecklenburg-Vorpommern 205, in Thüringen 266, in Sachsen-Anhalt 395 und im Freistaat Sachsen 490 Sparkassenazubis gezählt.******

Die Ausbildung war dual organisiert. Die Volkskammer hatte am 19. Juli auch ein Berufsschulgesetz beschlossen. Zwar stieg die Zahl der Auszubildenden der ostdeutschen Sparkassen vor 30 Jahren stark an, die Kapazitäten der kommunalen Berufsschulen standen jedoch in keinem Verhältnis.******* Mit Unterstützung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes und weiterer Spitzenverbände wurden die Lehrkräfte fachlich qualifiziert. Unterstützung erfuhren die ostdeutschen Sparkassen von ihren Partnerinstituten, indem zum Beispiel Azubis für eine Weile dort lernen konnten. Bei der Kreissparkasse Hildesheim wollten vor 30 Jahre sogar 18 junge Leute ihre dreijährige Ausbildung absolvieren, um danach in der heimatlichen Sparkasse zu arbeiten.********

Fortsetzung am 07.09.2020

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* Der Präsident des DSGV führte bei einem Seminar für Landräte und Oberbürgermeister am 20. August 1990 aus, dass die Sparkassen in der Bundesrepublik dreimal so viel Kunden betreuten, aber über zehnmal so viel Personal wie die DDR-Sparkassen verfügten. Das Verhältnis 10 zu 1 zeige sich auch bei den Lehrlingseinstellungen. Vgl. Referat Präsident Dr. h. c. Helmut Geiger: Sparkassen im Wettbewerb, in: Historisches Archiv des OSV, HA 76/2004 a-c Bd. 2

** Vgl. Wysocki, Josef/ Günther, Hans-Georg: Geschichte der Sparkassen in der DDR 1945 bis 1990, Stuttgart, 2. Aufl., 1998, S. 247

*** Geschäftsbericht der Sparkasse Rostock für 1990, S. 12

**** Vgl. Gesetz über das Inkrafttreten des Berufsbildungsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland in der Deutschen Demokratischen Republik – IGBBi – vom 19. Juli 1990, in: Gesetzblatt der DDR, Teil I, Nr. 50, 13.08.1990, S. 907 ff.

***** Vgl. Backhaus, Jürgen: DDR übernimmt Berufsbildungsrecht, in: Deutsche Sparkassenzeitung, Nr. 61, 10.08.1990, S. 5.

****** Vgl. Jahresbericht 1990/1991 des Ostdeutschen Sparkassen- und Giroverbandes, S. 35

******* Es gab im Herbst 1990 lediglich 15 kommunale Berufsschulen und maximal 80 Lehrkräfte in Ostdeutschland. Vgl. Geiger, Walter/ Günther, Hans-Georg: Neugestaltung des ostdeutschen Sparkassenwesens 1990 bis 1995, Stuttgart, 1998, S. 176 f.

******** Vgl. DDR-Azubis in Hildesheim, in: Deutsche Sparkassenzeitung, Nr. 61, 10.08.1990, S. 5.

  • Ansichtskarte Verlag Fritz Opitz Nachf./ O. Burkhardt, versendet 1899; Bestand: Historisches Archiv des OSV

Unsere Älteste

Viele historische Ansichtskarten aus unserem Archivbestand sind bereits im Sparkassengeschichtsblog veröffentlicht worden. Heute präsentieren wir Ihnen das älteste Exemplar, das eine Sparkasse im OSV-Gebiet zeigt. Ein Reisender versendete sie am 22. August 1899. Offenbar machte er bei seiner Fahrt nach Dresden um 12:45 Uhr einen Zwischenstopp in Herzberg (Elster). Motiv der Karte ist das dortige Rathaus, welches die Stadtsparkasse seit ihrer Eröffnung am 1. Juli 1873 beherbergte. Dies belegt die Akte mit der Signatur C 48 Ih, Nr. 282 Bd. 1 in der Merseburger Zweigstelle des Landeshauptarchivs Sachsen-Anhalt, die ich vor einiger Zeit digitalisieren und vor Kurzem inhaltlich erschließen konnte. Es handelte sich übrigens um die fünfte Sparkassengründung im Gebiet der heutigen Sparkasse Elbe-Elster. Das erste Institut war am 1. August 1837 die Sparkasse des Schweinitzer Kreises mit Hauptsitz in Herzberg (Elster), auf welche die Stadtsparkasse schließlich 1927 übergehen sollte.